Giacomo Battista Beccaria
Schon lange hatte Beccarius bemerkt, die Hitze des Feuers bewirke, daß ganzausgetrocknetes Papier, wenn auch spater erkaltet, das Licht begierig an sich zog undein vortrefflicher Phosphorus war. Wenn dies die Wärme des Feuers geleistet hatte,wie sollte man nicht viel mehr von der Sonnenwärme erwarten? Beccarius zog esjedoch vor, dies durch einen Versuch zu erproben als durch bloße Mutmaßung. Ameinundzwanzigsten August legte er ein viereckiges Papier an die Sonne und deckte eszur Halste mit einem Buche zu; dies währte zwei Stunden. Er hielt sich indessenin einem ganz finsteren Zimmer auf, in welches das Außenlicht durch ein Fensterchenfrei hätte eindringen können, wenn es nicht durch zwei Vorhänge, einen äußeren undeinen inneren, abgehalten worden wäre. Der Ort war sehr geeignet zur Untersuchungvon Gegenständen, die nach Art der Phosphore Sonnenlicht eingesogen hatten; hierpflegte Beccarius oft mit seinen Freunden, die sich für Phosphore interessierten, zu-sammenzukommen. Er beschrieb diesen Ort in einem Kommentar über die Phosphore.Hieher befahl er also das erwähnte Papier zu bringen und hielt es sofort beimFensterchen wie üblich hinaus, damit es Licht einsauge; dann zog er es zurück, umdurch die Dunkelheit des Ortes zu erkennen, was an Licht daran haften geblieben sei;er erwartete aber, daß jener Teil des Papieres, der zwei Stunden vorher von derSonne erwärmt worden war, mehr Licht als der andere eingesogen habe. Dies schiender Berechnung ganz zu entsprechen. Der Versuch zeigte, wie trügerisch die Berechnungist. Denn jener Teil des Papieres, der durch das darauf gelegte Buch bedecktgewesen war, hatte sich in ausgezeichneter Weise mit Licht getränkt, wie es das Papierzu tun pflegt, und war ein tüchtiger Phosphorus; der andere Teil, welcher, weil offengelegen, die Sonne empfangen hatte, war dunkler und schwärzer. Das sah Beccariusmit eigenen Augen, und andere, die gegenwärtig waren, bestätigten es. Da er diesfestgestellt hatte, befahl er, dasselbe Papier anderen Personen zu übergeben, die sichaußer dem Zimmer in einem lichten Raume befanden; und nachdem diese es langeund eingehend angesehen hatten, bestätigten sie, daß es ganz gleichmäßig weiß war,wie gewöhnlich, und daß keine Farbenänderung eingetreten war. Daraus ersahBeccarius, daß durch die Wärme der Sonne, entgegen seiner Erwartung, nichtdasselbe geschehe, wie durch jene des Feuers; da nämlich das Papier durch dieWärme des Feuers ein vorzüglicher Phosphorus wird, durch die Sonnenwärme eindunklerer.
Und nicht nur darüber wunderte er sich, sondern auch darüber, daß das Lichtdas Gefüge (die Textur) des Papieres verändert, die Farbe aber nicht angegriffenhatte; denn jedenfalls hat es das Gefüge verändert, da es das Papier zu einemdunkleren Phosphorus machte. Und eben dies war sehr zweifelhaft, denn obwohl das
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