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Lehrbuch der chemisch-analytischen Titrirmethode : nach eigenen Versuchen und systematisch dargestellt / von Dr. Friedrich Mohr
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Zweites Capitel. Cyan.

so verschwindet so lange die blaue Farbe von Kupferoxyd-Ammoniak,bis die aus gleichen Aequivalenten bestehende Verbindung von Kupfer-cyanür und Cyanammonium gebildet ist. Jeder Tropfen Kupferlösungerzeugt einen lazurblauen Flecken, der beim Umschütteln sogleich wie-der verschwindet, und führt man die Operation in einer weissen Porzel-lanschale aus, so lässt sich die leiseste Spur der blauen Farbe auf demweissen Untergründe mit der grössten Schärfe erkennen. Anfangs ver-schwindet die blaue Farbe augenblicklich, gegen Ende aber etwas lang-samer, und man hat erst die verbrauchten Volumina zu notiren, wenndie Flüssigkeit nach Verlauf einiger Augenblicke dieselbe Farbe zeigt;alsdann verschwindet sie nicht wieder.

Aus dem Umstande, dass von einer Zehent-Kupfervitriollösung(12,468 Grm. Kupfervitriol aufs Liter) fast ganz genau ebensovielCubikcentimeter gebraucht wurden, als von der Zehent-Silberlösung,schloss C. Mohr, dass sich eine analoge Verbindung, nämlich Kupfer-cyanid-Cyanammonium, bilde, obgleich diese Verbindung noch nicht be-kannt war. Die Versuche, diese Verbindung darzustellen*), gaben keinResultat, und wenn man die Endflüssigkeit mit Säuren übersättigte, soschlug sich auch nur Kupfercyanür nieder. Liebig**) hat nun daraufaufmerksam gemacht, dass sich allerdings nur Kupfercyanür bilde, unddass nothwendig die Hälfte des Cyans austrete. Er untersuchte nun, wasaus diesem Cyan geworden sei.

Zu diesem Zwecke übergoss er kohlensaures Kupferoxyd und Ku-pferoxydhydrat mit Ammoniak und setzte Blausäure zu, bis alles Kupfer-oxyd gelöst war. Die Lösung fand ohne Cyanentwickelung statt; dieFlüssigkeit ist farblos oder schwach gelblich gefärbt. Sie wurde mitaufgeschlämmtem Quecksilberoxyd zersetzt und gekocht, bis das Kupferansgefällt war, dann zur Entfernung alles Ammoniaks abgedampft unddas gebildete Quecksilbercyanid durch Schwefelwasserstoff zersetzt.Wenn sich durch die Wirkung des aus dem Kupfercyanid ausscheiden-den Cyans lösliche Zersetzungsproducte gebildet hatten, so mussten siein dieser blausäurehaltigen Flüssigkeit enthalten sein.

Beim Abdampfen schieden sich in der That weisse Krystalle aus,die mit einer anfangs schmierigen, zuletzt ebenfalls krystallinisch erstar-renden Mutterlauge umgeben waren. Die Krystalle bestanden aus Harn-stoff und oxalsaurem Harnstoff, welcher, kalt mit Weingeist behandelt,Harnstoff an dieses Lösungsmittel abgab. Das Cyan des Kupfercyanidszerlegt sich mit dem freien Ammoniak demnach auf eine ganz ähnlicheWeise, wie von Wöhler beim Einleiten von Cyangas in Ammoniakflüs-sigkeit beschrieben worden ist.

Die Bildung des Harnstoffs oder des cyansauren Ammoniaks setztnatürlich die gleichzeitige Entstehung von Blausäure voraus, gerade wie

*) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. 94, S. 202.

**) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. 95, S. 118.