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1 (1846) Befreiungskrieg von 1813, 1814 und 1815 / von Wilhelm von Rahden
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Freilich geschah dies Uebcrtretcn nach Böhmen im schroffen Gegensatzemit der, dem Militairstande ganz besonders auferlegten, Verpflichtung,Disciplin und des Königs Gebot streng zu beachten; denn selbst ausGlatz entfernten sich ohne Erlaubniß Offiziere und Soldaten, verführtdurch den lockenden Racheruf des nahen Kanonendonners. Diese Män-ner haben später durch strengen Richterspruch und Gefängnißstrafc daszu rasche und eigenmächtige Voransgreifen im Schmerze um das un-terdrückte Vaterland streng gebüßt; doch das Jahr 1813 sah sie fast allewieder als Vorkämpfer in erster blutiger Reihe. Sie haben sich so füreinfaches Unrecht doppelte Verdienste errungen.

Ich führe meine freundlichen Leser nach dieser kleinen Abweichungauf den engen Raum des Erercir-Platzes, Holzplan genannt, naheaußerhalb des Brückenthores von Glatz. An vier leichten Geschützen,von Rekruten oder sich selbst angeworbenen Mannschaften an Strickenund Riemen gezogen, wie es damals gebräuchlich war, übten wir unterden Befehlen eines stattlichen Lieutenants, welcher sich in dem letzten Kriegeals Commandant der Strohhaube von Silberberg*) bereits tüchtig her-vorgethan hatte, die ersten Elemente unserer Waffe. Uns jungen Sol-daten imponirte der Lieutenant nächst diesem Kriegsruhme durch seineungezwungene kräftige Haltung und seine öfters gar zu ungebundenenWorte. Er besaß jedoch ganz das Zeug, um den neuen, eben erst her-einbrechenden Geist des nunmehrigen Militair-Wesens zu wecken undzu pflegen. Freilich stand dieser oft noch im krassen Widersprüche mitden bestehenden alten und herkömmlichen Formen, und leider geschah esauch, daß unseres Lieutenants freimüthiges Wort sich fast immer auf Ko-sten der strengen und steifen Vorgesetzten krittelnd aussprach. Gewiß nichtgut, doch Lieutenant Holsche gewann damit unseren jugendlich unerfah-renen Sinn, und so ward er der Liebling seiner Untergebenen.

Heute unterhielt er sich während der langen Pausen des Ererci-rens in ungewöhnlich sanftem, fast bewegtem Tone mit uns; sonstwußte er uns immer etwas zu Lachen zu geben, heut aber strich er sei-

*) So heißt ein detaschirtes Werk der Festung Silberberg, welches die Baicrn rneh-reremale vergeblich berennt hatten.