>Vchlcsicn ist mein Mutterland; denn mein Vater, Rcinhold v. R.,j ein Kurländcr, diente, wie so viele seiner unbemittelten Landsleute, von1780 — 1795 im Königlich preußischen Heere. Fürst Ludwig Friedrich zu' Hohenlohe-Jngelfingcn, bis zum Jahre 1806 ein ruhmgekröntcr preußi-scher General und Held, war sein Gönner. Diesem fürstlichen Fürspre-cher verdankte vermuthlich mein Vater den Besitz einer jungen und rei-chen Frau, der einzigen Tochter des Kammerpräsidenten v. K. in Bricg.Des Soldaten-Spieles im Frieden jedoch müde, nahm er den Abschiedund wurde Gutsbesitzer. Es gebührt nicht dem Kinde, über die Hand-lungsweise der Eltern, oder über die Beweggründe dazu zu rechten. Nachzehn Jahren waren die Güter dahin, und die Ehe trennte sich. MeinVater ging nach Kurland zurück; vier Kinder aber, von denen ich derzweite Sohn war, verblieben im mütterlichen Hause. —
Fast immer ist eine solche Trennung in ihren Folgen einflußreich aufdas Geschick der Hinterbliebenen Kinder; ich war jedoch noch zu jung,um augenblicklich mehr fühlen zu können, als daß ich noch heute an derfernsten Grcnzmarkc meiner Jugenderinnerungen das weiße Tuch schim-mern sehe, mit welchem der scheidende Vater uns so lange den Abschiedzuwinkte, bis der nächste Hügel den Rcisewagcn unseren Blicken für im-mer entzogen hatte.
In meinem sechsten Jahre kam ich, als Pflcgesohn, in die Familie ei-nes würdigen schlesischcn Edelmannes, Carl v. T., welcher über den Ver-lust seines einzigen Sohnes tief bewegt war, während seine Frau fastuntröstlich und gefährlich krank darnieder lag. Der kleine Wilhelm hattemit mir Namen, Alter und rothe gcfunde Pausbacken gemein gehabt;so knüpften sich zuerst die Bande zwischen dem neuen Sohne und seinenneuen Eltern.