20
1. Kapitel.
Kepler, der wie wir hörten durch Ursinus die erste Nachrichtvon den Logarithmen erhalten und sich durch die kleine Schrift desletzteren näher orientiert hatte, bekam im Juli 1619 ein Exemplarvon Nepers Werk und erkannte durch ein eingehendes Studiumdesselben sofort, welche enorme Unterstützung ihm die neuen Tafelnbei seinen astronomischen Berechnungen bieten konnten. Er benutztedaher die Gelegenheit in seinen Ephemeriden für das Jahr 1620 einoffenes Schreiben an Neper ergehen zu lassen, von dessen inzwischenerfolgtem Tode er keine Kenntnis hatte, erkannte hierin das hoheVerdienst desselben in begeisterten Worten an 1 ) und trug so durchdas Gewicht seiner Persönlichkeit zur Ausbreitung des neuen Rech-nungsverfahrens wesentlich bei.
Bei einem Manne von Keplers 2 3 * * * * ) Größe und Bedeutung ist esselbstverständlich, daß er mit den von seinen Vorgängern und Zeit-genossen geschaffenen Hilfsmitteln seiner Wissenschaft bis ins Kleinstevertraut war, und so sehen wir ihn denn auch im Besitze aller zuseiner Zeit im Gebrauche befindlichen trigonometrischen Methoden,die er mit der ihm eigenen Gewandtheit handhabte. Namentlich be-diente er sich sehr häufig der Prosthaphäresis 8 ), die ihm teils ausdem Lehrbuch des Pitiscus, teils aus seinem persönlichen Umgangmit Jobst Bürgi bekannt sein mochte; auch war ihm sicher JöstelsTraktat nicht entgangen. Als er aber Nepers Erfindung kennengelernt hatte, durchschaute er sofort ihre Vorzüge vor dem älterenVerfahren und warf sich mit jener idealen Begeisterung, die er währendseines ganzen Lebens für die Förderung der Wissenschaft trug, aufdie Verbesserung der neuen Methode. Wir erwähnten schon, daß dendeutschen Mathematikern die Basis, auf welcher der geniale Schottesein Gebäude errichtet hatte, nicht genügend gefestet schien, und daßsie daher der Richtigkeit seiner Zahlen immer noch Zweifel entgegenbrachten. Deshalb richtete Kepler sein Augenmerk hauptsächlich aufeine gründliche Fundierung der neuen Lehre, und dies gelang ihm
1) Opera t. VII, 520—522. — 2) Johann Kepler lebte von 1571—1630.
Bezüglich seines Lebens verweisen wir auf die treffliche Biographie von S.Günther, Berlin 1896, die als 22. Band der „Geisteshelden“ von A. Bettel-heim erschien; von seinen Werken erwähnen wir hier nur sein „EpitomeAstronomiae Copernicanae“, dessen vier erste Bücher 1618—1621 erschienen,seine „Chilias Logarithmorum“, Marpurgi 1624, und die Rudolfinischen Tafeln. —
3) So z. B. im Epitome (Opera Kepleri Edit. Frisch VI). Übrigens entgingen
ihm die Schattenseiten dieser Methode keineswegs, wie aus einem Briefe an
Herwarth von Hohenburg vom 18. Okt. 1608 (Opera IV, 527) zu ersehen ist.
Bezüglich der Sätze, deren sich Kepler mit Vorliebe zur Berechnung sphä-
rischer Dreiecke bedient (der Regel der vier Größen, des Sinussatzes und der
Tangentenregel des Abü’l Wafä), siehe den Brief an Criiger, Opera VI, 47.