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Verhandlungen des Ersten Internationalen Mathematiker-Kongresses : in Zürich von 9. bis 11. August 1897 / hrsg. von Ferdinand Rudio
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II. Teil: Wissenschaftliche Vorträge.

als, der Tendenz der Hochschulbildung folgend, die ihm vorgelegtenProbleme wissenschaftlich zu analysieren und sich in streng systema-tischer Weise der Lösung zu nähern. Allein da türmen sich zweinicht vorhergesehene Schwierigkeiten vor ihm auf. Die erstebildet der Umstand, dafs er nicht nur für den technischen, son-dern auch für den kommerziellen Erfolg zu bürgen hat, d. h.dafs er so billig wie möglich produzieren mufs. Und zwar gilt diesnicht blofs von dem hergestellten Objekt, sondern auch von seinereigenen Arbeit. Er nimmt mit Schrecken gewahr, dafs die Praxisihm zu einer systematischen Untersuchung die Zeit zu gewährendurchaus nicht gewillt ist; im wilden Konkurrenzkampf, dem auchseine eigene Leistung unterworfen ist, wird er mit unwiderstehlicherGewalt der Empirie in die Arme getrieben.

Die zweite Schwierigkeit ist zum Teil subjektiver Art.Auf die Hochschule folgen, wie schon erwähnt, einige strenge Lehr-jahre. Wie im Kriege die Künste, so ruht hier das an der Schuleerworbene systematische Wissen. Die dem menschlichen Gehirn an-vertrauten Eindrücke gleichen leider in so mancher Beziehung derSchrift im Sande. Wo es gilt, mit dem Wissen herauszurücken, findetman in der Regel, es sei dasselbe nicht mehr recht präsentabel undmüsse wieder aufgefrischt werden. Wir wollen annehmen, es sei diehierzu nötige Energie vorhanden, und die sehr allgemeine menschlicheSchwäche überwunden. Dann erlebt unser Techniker die zweite,aber nicht die kleinere Enttäuschung. Er macht sich daran, die Er-scheinung nach Mafs und Zahl zu untersuchen, er fafst das Problemin eine Anzahl mathematischer Relationen zusammen, die in der Regeldie Gestalt von Differentialgleichungen annehmen. Allein er findet,dafs ihm die Fähigkeit abgeht, diese Gleichungen mit den angelerntenMitteln zu integrieren. Er sieht sein Kollegienheft durch, er blättertin den Kompendien und konstatiert, dafs die dort behandelten Problemein der Regel die einfachsten Spezialfälle darstellen, während die Praxisvon ihm, wohin er nur blicken mag, die Lösung der verwickeltstenKomplikationen fordert. Eine weitere Vertiefung zeigt ihm, dafs z. B.fast jedes Problem des Maschinenbaues unvermerkt in das Gebiet dermathematischen Physik hinüberführt; diese zu beherrschen, reicht aberim Durchschnitt weder seine Kapazität, noch weniger die knappe Lehr-zeit hin, unser Techniker sieht sich vor den wissenschaftlichenBankerott gestellt.

Der irrige Glaube an die Allgewalt des mathematischen Apparateskann selbstverständlich nicht den betreffenden Disziplinen zur Lastgelegt werden; indessen mögen die Hinweise auf die Grenzen ihres