§. 54. Vorbemerkung über den antike», mittelalterl. u. modernen Styl. 19Z
zum Glauben als Fundamentalgesctz haben. Aber auch eines nicht christ-lichen Styles müssen wir hier Erwähnung thun, da seine Entstehung indie gleiche Epoche fällt und seine Elemente einen nicht unbedeutenden Ein-fluß auf die christliche Kunst ausgeübt haben, wir meinen die Kunst desIslams, den Mahomedanischen Styl, wie ihn Pugin ganz rich-tig nennt, ein Ausdruck, wodurch die eigenthümliche Entwicklung desselbenin Asien, Aegyptcn und Spanien zugleich Inbegriffen wird.
Als die Christen ihren Glauben öffentlich bekennen dursten unddurch die Taufe Konstantins (323) berechtigt wurden, größere Gebäudefür ihren Gottesdienst zu errichten, in der Anwendung heidnischer Tempelaber eine Entweihung ihres Glaubens sahen, so fanden sie in dem Römi-chcn Gerichtshöfe (Cas-ilitza), vermöge des darin sich vorfindenden Schiffes,der erhöhten Tribüne und der Nische, das ihrem Zwecke am meisten ent-sprechende Gebäude. Sie adoptirten diese Form für ihre Kirchen und ga-ben damit der ganzen abendländischen Architektur eine neue Richtung.
Der Byzantinische Styl verdankt sonach seine Entstehung derVerlegung des Kaiserlichen HoscS nach Bvzanz. Dort entwickelte einegrößere Unabhängigkeit, Verschiedenheit des Baumaterials, besonders aberdie Abwesenheit der im Abendlande benutzten Gcbäulichkcitcn, einenganz neuen Charakter, der unter dem Kaiser Justinian im sechsten Jahr-hunderte seine völlige Ausbildung erhielt und bis ins elfte Jahrhundertmit der Griechischen Kirche herrschte. Die Kirchen erhielten jetzt die Formdes sogenannntcn Griechischen Kreuzes, d. h. vier gleich große Arme odebFlügel; das Gewölbe, die Kuppel (schon unter den heidnischen Kaisernbekannt) erhebt sich nun über der Mitte und in kleinen Wiederholungen,oft niscbcnartig, über den vier Seitenschiffen; von Außen zeigen sich sehrschmucklose Mauern mit kleinen, durch halbzirkelförmige Bogen verbun-denen Fenstern; die sparsam angebrachten Säulen sind kurz und ihrKapi-täl gleicht mehr einem nach unten abnehmenden Würfel mit einigcn'flachenVerzierungen, als den schönen Bekrönungen des Alterthums; das Sims-werk tritt, meist abgerundet, entschieden hervor und einfache Muster bildensich durch den Ziegelbau. Seltsam kontrastirt mit dieser äußeren Einfach-heit die innere Ausschmückung durch glänzende vielfarbige Mosaik. Letz-tere gehört eben so entschieden und wesentlich zu den Eigenthümlichkeitender Byzantinischen Kunst, als die Seulptur zu der des Abendlandes.
Während die Christen noch in Höhlen ihre Zusammenkünfte haltenmußten und noch nicht wagen durften, öffentliche Zeichen ihres Glaubensauszustellen, bildete sich in den Catacomben eine Bilderschrift, die unterder Form heidnischer Attribute für die Eingeweihten, welche die wichtigstenGeheimnisse der neuen Religion, die glühendste Liebe unter sich, die drin-gendsten Aufforderungen zum Festhalten und zur Standhastigkeit enthielt.Diese Symbolik hat seit jener Zeit ihren Einfluß auf die Ornamentik derchristlichen Kunst fortdauernd ausgeübt und denselben, trotz der Erklärungdes Concils von Konstantinopel (692), bis auf unsere Zeit behauptet.
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