Band 
Dritter und letzter Theil.
Seite
505
JPEG-Download
 

505

§. 134. Seife.

„» üblen Gerüche, und waren zu Rein mit ihren Werkstätten in entlegene Straßen,oder vor die Thore der Stadt verwiesen, allein sie hatten das Recht, an den Stra-ßenecke» Gesäße aufzustellen, in welchen sie die Beiträge des Straßcnpnblikums ein-sammelten. Betrachte» wir den Harn als eine» Stellvertreter für Seife, so kannman sagen, daß der Kaiser VcSpasian der eigentliche Erfinder der Seifensteucr ist,insofern als der Verbrauch dieses Artikels als Quelle für daS StaatScinkvninien vonihn, zuerst gewürdigt worden, obwohl es, wie Beckmann bemerkt, nicht ganz klarist, in welcher Weise diese Steuer erhoben wurde.

Nach PlininS wird die Seife von Geber im 2. Jahrhundert") nach ChristiGeburt und später Von den niaurischen Schriftstellern öfters erwähnt, aber auch hiererscheint sie noch immer mehr als ein äußeres Arzneimittel, obwohl auch ihres Ge-brauchs zum Waschen nnzweidentig gedacht wird. ES dürfte schwer sein, die allmä-lige Fortentwickclnng der Seife von jener Epoche Schritt für Schritt zu verfolgen,allein so viel ist gewiß, daß wir schon in der Mitte des l7. Jahrhunderts die Sei-fensiederei in vollem Gange sehe», und sogar sehr ausführliche Anweisungen zurBereitung der Seife aus dieser Epoche besitzen. Aber erst in unserer Zeit hat dieSeifenfabrikation die Ausdehnung gewonnen, welche diese Industrie im Augenblickeauszeichnet. Mehrere Umstände haben zu diesen, Aufschwünge beigetragen. Die un-vergeßlichen llntersnchnngen. durch welche Chevrenl (wie im VorhergehendenSeite 484 weiter erörtert wurde) die Natur der fetten Körper und somit daü Wesendes VcrseifungsprozeffcS feststellte, konnten nicht ohne Einfluß auf die Ausbildungdieses Gewerbes bleibe», obgleich das von der Wissenschaft gebotene Material vonder Technik kann, hinreichend ausgebeutet worden ist. Auf der andern Seite abererhielt die Seifenfabrikation den mächtigsten Impuls durch die Entwickelung derSodaindustric. Nicht länger auf die unsichere und stets geringe Ausbeute an Sodaaus Barilla , Kelp und Warcck beschränkt, konnte sich diese Fabrikation in einerWeise entfalten, die Niemand früher hatte ahnen können. James Muspratt , inLiverpool , der in England zuerst die Produktion von Soda aus Kochsalz nach demLe Bla»c'schcn Verfahren auf kolossalem Fuße und mit seltenen, Glücke betrieb,erzählte dem Berichterstatter, daß er Anfangs ganze Tonnen Soda an die Seifensie-der in Laneashirc zu verschenke» hatte, ehe es ihn, gelang, sie von den außerordent-lichen Vortheilen der Anwendung dieses viel reineren Präparates in ihrem Gewerbezu überzeugen. Allein kaum war ihm dies gelungen, kau,» hatten die Seifensiederwahrgenommen, wie viel Zeit und Geld sie sparten, als auch die Bestellungen insolcher Menge einliefe», daß MnSpratt, um dem Andränge zu genügen, seine Sodaglühend heiß aus den Ocfen auf eiserne Karren verladen nach den Seifensiedereienabgehen lassen mußte. Von da ab sehen wir die Seifenfabrikation, im steten Wett-laufc mit der künstlichen Sodaproduklio», jedes Jahr mehr und mehr an Umfanggewinnen. Jede Verbesserung in Lc Blanc's Verfahren zog als eine unmittelbareFolge eine Erweiterung der Seifensiedereien nach sich, wie denn auch die gesteigerteSeifenprodiiktion nicht ohne entsprechende Rückwirkung auf die Entwickelung desSodaprozeffes bleiben konnte. Es ist eine bemerkenSwerthe statistische Notiz, daßgegenwärtig Liverpool allein jährlich mehr Seife crporlirt, als vor der Verwandlungdes Kochsalzes in kohlensaures Natron sämmtliche Häfen Großbritanniens zusam-mengenommen. Als mächtiger Hebel der Sodabcreitnng, welche so innig mit bei-nahe allen Zweigen chemischer Gewcrbihätigkcit verflochten ist, bildet also die Sei-fcnfabrikation eins der wichtigsten Glieder in der Entwickcluugsgcschichte der chemi-schen Gesammtinduftric.

Die Lc Blanc'sche Sodabercitnng hat aber nicht nur eine außerordentlicheSteigerung der Produktion von Seife und eine entsprechende Erleichterung des Ver-brauchs dieses wichtigen Artikels herbeigeführt, sie hat in der Bereitnngswcise derSeife selbst die größten Veränderungen hervorgerufen. Die Quantität Seife, welche