§. 157. Der Zollverein.
645
Gegenstände der Plastik.
l. Die Skulptur im großen Maßstabe.
Die Skulvtur, welche bis gegen Anfang unseres Jahrhunderts in Berlin in der Nach-ahmung der manierirten und unwahren Französischen Bildhauerei verharrt war, wurdezuerst durch den Bildhauer Gottfried Schadow auf die Gesetze der Naturwahrheitund einer sorgfältigen Ausführung des Einzelnen zurückgeführt. Ihre jetzige Blüthedaselbst verdankt aber die Kunst dem segensreichen Zusammenwirken von dreiMännern, dem verstorbenen Architekten Schinkel, dem verstorbenen BildhauerFriedrich Tieck und dem, wiewohl im hohen Alter noch kräftig fortwirkenden Bild-hauer, Christian Rauch . Erfüllt mit den Stylgesctzcn und dem Schönheitsgcfühl,welche die Gebilde Griechischer Kunst athmen, waren diese Männer bemüht, dieselben,frei von geistloser und sklavischer Nachahmung bei Werken, wie sie die Zwecke derGegenwart erfordern, auf eine geistreiche und eigenthümliche Weise in Anwendung zubringen und damit ein lebendiges Studium der Natur, eine gewissenhafte Durchfüh-rung im Einzelnen zu verbinde». Obgleich Rauch, das Haupt der Berliner Schule,leider nicht dazu gekommen ist, selbst von seinen Werken etwas auszustellen, so daßer nur durch einige größere und kleinere Kopiern vertreten gewesen, und obgleich auchseine Schüler nur zum Theile die Ausstellung beschickt hatten, so daß so tüchtigeKünstler, wie A. Fischer, Gustav Bläser, Steinhäuser (aus Bremen ),Wredow und Schievelbein fehlten, so hatte die Ausstellung doch verschiedeneWerke auszuweisen, welche von dem Erfolge des Zusammenwirkens der obigen Eigen-schaften ein höchst günstiges Zeugniß ablegen.
Solche sind:
A. Kiß, Berlin (Nr. 279.). Eine Amazone, welche einen Tiger, der in kühnemSprunge sich an ibr Pferd angeklammert und darin eingebissen hat, im Begriff ist,mit dem Speer zu durchbohren. In kolossalem Maßstabe. Nach dem Modell desKünstlers von Geiß in Zink gegossen und bronzirt. Die eigenthümliche Erfindung,welche uns einen ergreifenden und entscheidenden Moment vor Augen führt, der hoheAdel in dem Charakter und dem Ausdruck der Amazone, das gewissenhafte Naturstudiumaller Theile, die stplgemäße Behandlung der Flächen, die treffliche Durchbildung desEinzelnen, endlich und vor Allem der volle Ausdruck des warmen Gefühls eineredlen künstlerischen Seele haben diesem Werke unter Künstlern und Kunstfreundengerechte Bewunderung erworben und veranlaßt, daß dasselbe in Berlin durch einefreiwillige Subskription des Publikums in Bronze ausgeführt worden ist, wo esjetzt auf einer der Treppenwangen des Königlichen Museums seine Stelle gefundenhat. Diese Gruppe beweist, daß, wenn ein Kunstwerk nur hervorstechend gute Eigen-schaften hat, wie die oben erwähnten, selbst namhafte Fehler den günstigen Eindrucknicht aufheben können. Denn allerdings verstößt dasselbe empfindlich gegen einender vornehmsten Grundsätze der Skulptur für Rundwerke, daß nämlich alle oderdoch die meisten Seiten eine deutliche und in den Linien schöne Ansicht gewährensollen. Durch die Art, wie der Künstler den Tiger mit dem Pferde verbunden hat,ist nämlich die vordere Anficht höchst ungünstig, ja verworren, und auch bei denSeitenansichten geht dadurch dem Beschauer auf der einen der Kopf des Pferdes,auf der andern die Köpfe der Amazone und des Tigers verloren. Die große Ver-dienstmedaille.
F. Drake, Berlin (Nr. 273.). Das Piedestal zu einer Statue des KönigsFriedrich Wilhelm III., welche die Dankbarkeit der Bewohner Berlins diesemFürsten als Berschönerer des Parks bei dieser Stadt, genannt der Thiergarten, errich-tet hat. Gypsabguß in der halben Größe des Originals. In Bezug auf den obigen