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Einleitung.
Macht oft mit mehr Kraft als Einsicht. In seiner Regierungsweise wiein seinen Gedanken, war die allgemeine Politik von Europa seine wich-tigste und fast einzige Angelegenheit: er hatte hauptsächlich um in seinemKampfe gegen die europäische Herrschaft Ludwigs XI V. über alle KräfteEnglands verfügen zu können, nach dem Throne dieses Reiches gestrebt, unddie protestantischen Leidenschaften des englischen Volkes standen mit seinenPlänen im Einklang. Indessen zog Wilhelm England tiefer in die Com-binationen und Kriege des Kontinents, als es den Gewohnheiten, Nei-gungen und Interessen der Nation zusagte. Sie wurde es müde, sichdurch denselben Fürsten, welchen sie herbeigerufen hattte um sie von in-neren Gefahren zu erlösen, immer mehr und mehr in weitaussehendeAnstrengungen und Pläne verwickelt zu sehen, und Wilhelm entrüstetesich seinerseits, gerade bei dem Volke, und bei den Parteien, die er ausihrem eigenen Boden erlöst hatte, so wenig Hingebung und Eifer fürdie große Sache, mit welcher ihre Sicherheit und ihre Freiheiten seinerAnsicht nach so eng verknüpft waren, zu erblicken. Hieraus entstandenzwischen dem Könige und dem Parlamente Mißhelligkeiten, Bitterkeitenund Conflikte, die die neue Regierung störten und erschütterten. Wilhelmkannte seine Stärke und benutzte sie selbstbewußt; er ging so weit, zusagen, daß er wohl noch abdanken, und sich nach Holland zurückziehenkönne, wenn man ihn nicht besser verstehen und unterstützen wolle. Wenndie Gefahr dringend wurde, so fühlten die Parlamente, die Parteien, dieKirche und das Volk wohl, wie nothwendig ihnen Wilhelm sei, und dräng-ten sich mit den lebhaftesten Demonstrationen um ihn. Bald aber ent-standen die gegenseitigen Mißhelligkeiten von Neuem; die Parteien kehr-ten zu ihren Eifersüchteleien, das Volk zu seinen Vorurtheilen und seinerUnwissenheit, der König zu seiner europäischen Politik, zu seinen kriege-rischen Anforderungen, seinen machthaberischen Empfindlichkeiten zurück.Die Jakobiten hatten wieder Hoffnung gefaßt; wenn auch in Schottlandund Irland geschlagen, in England entdeckt und verurtheilt, machten siedoch immer neue Versuche zu Komplotten und Bürgerkriegen. Selbstim Ministerium Wilhelm's besaß der König Jakob Korrespondenten, diesich diese Aussicht für die Zukunft offen hielten. Im ganzen Verlaufdieser Regierung war, trotz des leichten Erfolgs der Revolution, desfesten Genie's des Königs und der aufrichtigen Anhänglichkeit des Landes,der 1688 begründete Thron doch stets bedroht und schwankend.
Unter der Königin Anna dauerte dasselbe Uebel fort. Die sich immermehr entzweienden Whigs und Tories bestritten einander hartnäckig die Ge-walt. In dem europäischen Kampfe um die Erbfolge in Spanien verfolgtenbeide Parteien anfangs die Jnterventions - und Continentalkriegspolitikdes Königs Wilhelm. Durch die Gewohnheit und den Erfolg sortgeris-