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Anweisung zur Architectur des christlichen Cultus / von L. von Klenze
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Erlösung, wenn auch vielen Völkern bewusstlos, dennoch nicht zu verkennen ist. Wie könnte man diesesgeistige Wirken der Welt auf ein und denselben Punkt läugnen, wenn man sich die tiefen Lehren in-discher, ägyptischer und persischer Religionen vor die Seele zurückruft? Welche Lehre der Genesis,Welches Moralgesetz, welchen Begrilf der Weisheit, suchen wir dort wohl vergeblich? Es fehlte demGanzen nur noch der Schlussstein der Offenbarung, die Erkenntniss des Mysteriums, welche in sichaufzunehmen die Welt durch jene ersten Religionen gleichsam vorbereitet werden musste. Selbst eineStufenfolge der Entwickelung zum positiven Christenthume lässt sich in diesen Religions-Systemen dar-thun. So sehen wir den reinen Brahmadienst, durch die Greuel der physischen Natur-Verehrung, desFatalismus und Materialismus, endlich zur Erkenntniss des Dualismus geläutert schon in Indien herr-schen, und diese Idee zweier Kräfte im Menschen, zwischen welchen der göttliche Mittler als drittetritt, sowohl im ägyptischen Osiris, als im persischen Ormutzd und Mvthras geläutert und anerkannt.

Die griechische Religion aber, in welcher man jedoch wohl die cxoterisclie des Volkes, derKunst und Poesie, von der esoterischen der Geheimpriester, Philosophen und Eingeweihten unterschei-den muss $ diese griechische Religion war es, in welcher wohl die Haupt-Elemente aller früheren orien-talischen Lehren Zusammenflüssen, und welche sich namentlich in ihren Geheimlehren und den Dogmender Philosophen einem grossen Theile der christlichen Begriffe so näherte, dass der Heiland selbst sagte,die Heiden wären empfänglicher für seine Lehren und Offenbarung, als die Judenj dass der ApostelPaulus dem schon längst unter dem Namen des unbekannten Gottes in Athen verehrten höheren Wesennur den Namen des Christengottes zu geben brauchte, um allgemeine Bekehrung zum Christenthume zubewirket^ und dass selbst der heilige Chrisostomus die Lehren des Plato und Christus so innig mitein-ander verwandt achtete, dass er diesen zw r ar allein als Gott, jenen aber für göttlich in demselben Sinneerklärt: ®s7os /xevo TlXcttcav , ©sos Ss y'o Xgisros ruft dieser grosse Lehrer der Kirche aus, und wer möchteihm nicht beistimmen, hätten wir auch keinen andern Beweis dafür, als die im Theätetus so herrlichentwickelte Grundidee des christlichen Moralbegriffes: der Verähnlichung mit Gott nach Möglichkeit,dieseropolwviS Tw ©g<£> kos tot To SwciTov- Aber noch viele andere direkte Zeugnisse beweisen uns dieseAnalogie, und wir führen davon nur das des heil. Clemens von Alexandrien an, welcher ausdrücklich sagt,dass die Philosophen des griechischen Alterthums nur einen Gott wie die Christen glaubten, und dassihre Lehren die Welt für das Christenthum so gut vorbereitet hätten, als das Gesetz der Juden.

Beleuchten wir diese Verwandtschaft des esoterischen griechischen Glaubens, so viel uns davon be-kannt, mit dem Christenthura als philosophischem Moralbegriff, so finden wir auch wirklich dieselbeGrundidee in beiden, nur mit dem Unterschiede , dass im Griechenthume gleichsam nur die Frage, imChristenthume aber die Antwort liegt. Die Lehre von der Emanation, nämlich vom Ausgehen der Dingevon Gott und vom Zurückkehren der Dinge in Gott, w j ar bei den Griechen die Summe der Lehren allesGeheimdienstes.

Der grossen Frage aber, welche dieses Glaubens unmittelbare Folge seyn musste: warum hat sichdie Gottheit entäussert, warum sich in der Körperwelt offenbart? Dieser grossen Frage Auflösung konntedas Griechenthum stets nur ahnen, aber nie zu einer klaren Erkenntniss darüber gelangen, weil cs dieAntwort stets nur auf physischem Wege und mithin vergeblich suchte, während das Christenthum sicauf ethischem Wege sogleich gewährt. Fassen w r ir aber trotz dieser Unvollständigkcit der Lehre dieZeugnisse des Alterthums, über das Wesen des Geheimdienstes der Griechen, und besonders über die