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Anweisung zur Architectur des christlichen Cultus / von L. von Klenze
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characterisiren lassen. Wir gestehen, dass wir dieses Schema für das Schlechteste von allen halten, undwenigstens der ganzen Conception nach dem Sinne des strengen antiken Styls, von welchem die einzelnenFormendesselben entlehnt wurden, diametral entgegengesetzt glauben. Ungeheurer Aufwand ohne grosseResultate, zertheilte Wirkung des Inneren, Grösse ohne Grossartigkeit, und ein Aeusseres wohinterdas ungeschickt angeordnete Innere, auf die widerwärtigste Art gleichsam Verstecken spielt, so dassdie Hauptansicht in der Regel nur eine theatralische Dekoration wird, welche mit dem Rest des Gebäu-des gar nichts zu thun hat und gewöhnlich erst viel später angesetzt ward3 Kuppeln, welche sowohlinnen als aussen von keinem Standpunkte aus in gehöriger Verbindung mit dem ganzen Gebäude ge-sehen werden konnten, schwerfällige, trockene, unbedeutende und oft ganz unpassende Pilaster-Ord-nungen und Hauptgesimse im Inneren 3 das sind die Gebrechen, welche man diesen Kirchen vorwerfenmuss, und welche schon Militia auf eine treffende Art gerügt hat.

Trotz des verführerischen Beispiels von St, Peter in Rom , worin ein riesenhafter Mass-Stabeinige der vielen Fehler positif so weit vom Beschauer entfernt, dass sie ihm nach und nach ver-schwinden, während der höchste Grad von Pracht und Reichthum die andern versteckt, hat man dochijach und nach die Unvollkommenheit dieser Bauart so allgemein gefühlt, dass man seit einem halbenJahrhunderte etwa vielfach versucht hat, etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen. In dieser Absichtentfernte schon Sufflot die ungeheuren Pfeiler aus St. Genevieve , und ersetzte sie durch Säu-lengruppen gleich dem Bruneleschi in Santo Spirito. fn dieser Absicht versuchte man häufigz. B. in Berlin , Dresden , Carlsruhe , sogar den Rundbau des Pantheons, welches aber nur zufälligund wider alle Zweckmässigkeitsgesetzc zur Kirche geworden , für den christlichen Gottesdienst zu be-nützen. So adaptirte man die reine äussere Form antiker Tempel für Kirchen, wovon Sy. Made-laine in Paris das grösste Beispiel giebt, und näherte sich endlich, wie z. B. in der neuen Kirche vonKopenhagen in St. Philippe du Roule von Paris , und in der protestantischen Kirche von Carls­ ruhe wieder dem Basilikastyle. Obwohl nun mehrere dieser Versuche sehr verdienstlich sind, so schei-nen uns doch in keinem derselben noch alle wahren Erfordernisse einer christlichen Kirche erfüllt zuseyn, wie wir jetzt versuchen wollen sie festzustellen, und nur der treffliche Schinkel scheint unsin einigen seiner Kirchenentwürfe ganz den richtigen Weg neueren Kirchenbaues, mit eben so vielGeist als Erfindungsgabe betreten zu haben,

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Erfordernisse des christlich-liturgischen Baues.

Wir müssen hierin vorferst zwei Abtheilungen machen, und die Gebäude, welche zum wirk-lichen Kirchendienste, zur Darbringung des Opfers und zur Predigt bestimmt sind, von denen unter-scheiden , welche nur als Symbole der Religion und Frömmigkeit dienen , und wenn sie auch zu ein-zelnen religiösen Eeyerlichkeiten benützt w'erden, doch keine grossen Versammlungen in ihr Inneresaufzunehmen haben.

Was nun die ersten oder wirklichen Kirchen anbelangt, so scheint uns, dass folgende die