Vierter Abschnitt
Menschensohn und Gottessohn.
Wenn man blos auf den Umstand Rücksicht nimmt, daß derStifter des Christentums ein Jude war und sowol im Lande der Juden,als auf der Grundlage des Glaubens der Juden sein Werk aufrichtete,so könnte unsere letzte Behauptung, daß die Quelle des Christentumsin den griechischen Mysterien zu suchen sei, auffallend erscheinen. Alleinder scheinbare Widerspruch zwischen derselben und dem jüdischen Ur-sprünge Jesu löst sich leicht durch den Nachweis, daß erstens längstvor Christus das Judentum mit griechischen Elementen durchsäuert war,und daß zweitens nach ihm sein Werk weit mehr durch Griechen odergriechisch Gebildete, als durch Juden fortgepflanzt und verbreitet wurde.Wir wollen nicht nur diesen Nachweis leisten, sondern auch zeigen, daßdas Christentum Jesu und das Christentum der Christen nach Ursprungund Inhalt wesentlich verschiedene Dinge waren.
Es kann kaum einen schärferen Gegensatz geben, als zwischen demjüdischen und dem griechischen Charakter. Dort die weiteste Trennungzwischen Gott und Welt, hier die innigste Verbindung beider, dort dieemsigste wissenschaftliche Forschung und die kühnste künstlerische Formen-bildung, hier weder denkende Wissenschaft noch bildende Kunst, sondernblos Theologie und religiöse Poesie, dort die Priester eine einfache,weder anspruchvolle, noch einflußreiche Berufsart, hier die Herren derNation, Alles in Allem, dort lebhafter Verkehr mit der ganzen Welt