Neunter Abschnitt
Licht- und Schattenbilder im Glanbenskampfe.
Die unter dem Namen der „Reformation" bekannte politisch-religiöse Bewegung am Anfange des 16 . Jahrhunderts ist kein zu dieserZeit plötzlich und unerwartet auftauchendes Ereigniß, durch welches dieKirche Christi frevelhafter und tückischer Weise zerrissen worden, sonderneinfach der einstweilige Schlußpunkt einer seit den ersten Jahrhundertender Existenz des Christentums beharrlich fortgeführten, in den politischen,kirchlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Verhältnissen, besondersin den zahlreichen Sekten und in den geheimen Gesellschaften, wie z. B.der Templer und der Steinmetzen, klar genug ausgesprochenen Oppositiongegen das in der Kirche herrschend gewordene jüdische Hohepriestertumund dessen empörenden Glaubenszwang. Nicht die Reformatoren habendie Reformation gemacht, um heiraten zu können, wie bornirte Röm-linge so gerne faseln, obschon in jenem Wunsche durchaus nichts Un-rechtes liegt, derselbe vielmehr als ein sehr tugendhafter erscheinen mußgegenüber dem kurz vor der Reformation herrschend gewordenen Konku-binenleben der Geistlichkeit, bei dem man allen Lüsten fröhnen konnte,ohne zu heiraten, wie die Urkunden jener Zeit genugsam darthun. Inder Reformation ist vielmehr zum Ausbruche gekommen, was längstvorbereitet und reif dazu war. Was mit der Kirche in unlösbarenWiderspruch geraten war, trennte sich von ihr, — was mit ihr inSpannung gekommen war, eine Trennung aber nicht ertragen konnte,kehrte zu ihr zurück.