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Das Buch der Mysterien : Leben und Treiben der geheimen Gesellschaften aller Zeiten und Völker / von Otto Henne-Am Rhyn
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der den Sterblichen mit menschlichem Zorn und menschlicher Liebe ent-gegentrat. Und es mußte zu diesem Gölte eine Lehre von persönlicherFortdauer des Menschen treten, um dem lieben Ich eine zuverlässigeund unfehlbare Garantie seiner Unzcrstörbarkeit in Ewigkeit zu bieten,und zwar auch wieder keine abstrakte und blos behauptete, sondern einean bestimmte Orte geknüpfte und mit bunten Farben ausgemalte. Esgalt also, diesen Einen Gott, es galt, diese Unsterblichkeitslehre,es galt, eine beide Punkte vermittelnde, verkündende und verherr-lichende Persönlichkeit zu finden.

Ein Monotheismus war nirgends zu finden, als im Juden-tum, und da trat er zudem sehr deutlich und offen hervor. Wir sahenbereits, wie die Juden in der ganzen damaligen Welt zerstreut waren.In jeder irgend bedeutendern Stadt hatten sie ihre Synagogen, ja wirerfahren sogar die äußerst merkwürdige Thatsache, daß sie eine nichtgeringe Anzahl von Proselyten machten, und zwar ganz besonders inRom selbst. Dies war bereits die Einleitung zu einer Verbreitung desMonotheismus; in größerm Maßstabe konnte aber eine solche nichtdurch die Juden vermittelt werden; nur enge Kreise begnügten sich mitder Strenge und dem Ernste des mosaisches Glaubens, dessen Gott derMasse noch viel zu geistig war, um begriffen zu werden, und außerdemfühlten sich die meisten Menschen einerseits durch das Unbestimmte undSchwankende der jüdischen Begriffe von Unsterblichkeit, anderseits durchdie sonderbaren Gebräuche und die abstechende Lebensweise der Judenabgestoßen.

Nur die Idee Gottes konnte also vorn Judentum entlehnt wer-den; alles Uebrige, was die Menschen erwarteten und verlangten, warmystisch, d. h. sie wollten das Göttliche suchen und finden, sieverlangten einen Kreis religiöser Ideen, der ihnen ihre eigenen Gefühleals unfehlbare Wahrheit entgegentrug, sie wollten die Versicherung ha-ben, daß sie einen untrüglichen Glauben bekannten. Hiezu fand sichaber der Stoff nirgends passender als in den Mysterien und in denLehren der Pythagoreer, Therapeuten und EssLer. Die unter sich man-nigfaltigen Ideen dieser Geheimbünde von der Trennung und Wieder-vereinigung des Göttlichen und Menschlichen mußten in dem jüdischenGölte ihre Einheit finden, was bei der uns bekannten Vermischunggriechischer und jüdischer Ideen in der letzten Zeit vor Christus nichtmehr schwierig sein konnte, und diese Einheit mußte von einer Welt-