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Das Buch der Mysterien : Leben und Treiben der geheimen Gesellschaften aller Zeiten und Völker / von Otto Henne-Am Rhyn
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künstelnder Mysticismus. Das Christentum Jesu ist mit ihm selbstund seinen ersten Jüngern, die noch keine spitzfindige Theologie, sondernnur ein frommes Herz gekannt hatten, zu Grunde gegangen; es warzu einfach und Prunklos, huldigte zu wenig der Sinnlichkeit und derPracht und schmeichelte zu wenig der Eitelkeit der Menschen, um eineRolle in der Welt zu spielen. Das Christentum der Christen aber, vonden griechischen Mysterien als Mutter geboren, hat von Jesu, seinemVater, ohne dessen Person und Namen es nicht in's Leben treten konnte,das Wenige, was von ihm bekannt wurde, entlehnt, es aber im Schwallund Wust des mystischen Dogmatismus versinken lassen. Sehen wirnun, wie sich dieses dogmatische Christentum über das einfache, mora-lisch-religiöse erheben und zu einer Weltmacht mit neuen Mysterien aus-bilden konnte.

Ohne das Hinzutreten griechisch-mystischer Elemente wäre dasChristentum nicht einmal zur selbständigen Kirche, geschweige denn zurMacht geworden, und zwar um so weniger, als seine Vertreter nachdem Tode des Meisters zwar gute und glaubenseifrige Leute, aber keinehervorragende und gebildete Geister waren. Diese erste Gemeinde inJerusalem war daher nicht fähig, die Höhe der Anschauungen des Ge-kreuzigten zu theilen und bewegte sich auf einem engherzigen, stetsfortim Grunde jüdischen Standpunkte, welcher es sich nicht denken konnte,daß Jemand würdig sei, getauft zu werden, der nicht vorher beschnittenund hiedurch unter das auserwählte Volk Gottes aufgenommen wäre.Der Apostel Jakobus, ein hingebender, äußerst frommer Askete, wardas Haupt dieser Richtung, deren Anhänger man alsJud euch rissen"bezeichnet. Der erste Christ, welcher über dieselbe hinausging und dieAbschüttelung des Judentums verlangte, war der griechisch gebildeteStefanos, der aber seine hochfliegenden Plane durch den Martertoddes Steinigens büßte. Der Gesinnung, welche er pflanzte, derjenigenderHeidenchristen", denen alle Gläubigen ohne Zwischenstufe als Chri-sten willkommen waren, huldigte zuerst die Gemeinde in Antiochia,jene, durch welche das Abendland die erste Nachricht von der neuenSekte derChristianer" erhielt, und ihr geistiges Haupt wurde ein Mann,der an Gaben und Kräften weit allen bisherigen Aposteln des Nazarenersüberlegen warj und sie auch Alle in den Schatten stellte, Paulus.Durch ihn trat das Christentum aus den engen Schranken Palästina'sund Syriens heraus. In griechischer Filosofie und jüdischer Theologiegründlich bewandert, und durch den überwiegenden Einfluß rer letztem