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Das Buch der Mysterien : Leben und Treiben der geheimen Gesellschaften aller Zeiten und Völker / von Otto Henne-Am Rhyn
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Wie im Staat, in der Kirche und im bürgerlichen Leben, somußte auch in den Gesellschaften und Vereinen die Kirchentrennnngmächtige Veränderungen hervorbringen. Wir haben bereits gesehen,wie sie den Steinmetzen die Lehre gab, daß Aufklärung und Kirchlich-keit unvereinbar seien und dadurch ihrer Bedeutung und Wirksamkeitein Ende machte. So ging es auch mit anderen Vereinen, namentlichauf katholischer Seite. Wollten solche dem Papsttum treu bleiben, somußten sie ihm gegenüber offen sein und aller Geheimnisse sich ent-halten. Wollten sie dagegen geheim sein, so waren sie verdächtig, unddie Kirche stieß sie von sich. Daher auch alle mittelalterlichen Brüder-schaften mit mehr oder weniger geheimem Wesen von da an in Verfallgerieten. Wir führen als Beispiel die Kalandsbrüder an, welcheseit dem 13. Jahrhundert in ganz Mitteleuropa (Deutschland, Frank-reich und Ungarn) verbreitet waren, Wohlthätigkeit übten, unentgeltlichSeelenmessen besorgten, bei ihren Zusammenkünften aber sich den Freudender Geselligkeit überließen. Diese Versammlungen fanden am erstenTage des Monats statt, woher der Name der Verbindung kam, weilbei den Römern bekanntlich der erste Tag jedes Monats Oalsnäus hieß,woraus das Wort Kalender gebildet ist. Die Mitglieder waren Män-ner und Frauen, Geistliche und Weltliche, nur nicht Mönche undNonnen. Daß die Kalandsbrüder trotz ihrer Seelenmessen keine blassenAsketen und abgehärmten Selbstquäler waren, zeigt ihr gereimtes Tisch-gesetz, welches also lautet:

Der Wirt soll geben zur NotGut Bier und gut Brot;

Vier gute Schüsseln zurichten,

Die er mit NichtenDarf gar übermehren.

Kuchen, Käse, Nüsse, Beeren,

Dergleichen reicht man wol hintendrein,

Sonst nichts. Auf keinerlei Weis soll man WeinZum Kaland schenken,

Ihn irgendwie durch Willkür kränken.

Es möchte sehr zu bezweifeln sein, daß diese Enthaltsamkeit vomWein streng durchgeführt wurde. Wenigstens würde dazu nicht stim-men, daß man in späterer Zeit die Kalandsbrüdernasse Brüder" undeinen üppigen Schmaus einenKaland" nannte, undkalandern" sagtefürliederlich sein". Nach der Reformation verfiel die Brüderschaft,und im 16. und 17. Jahrhundert löste sie sich auf. Mit ihrer Harm-