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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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305
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Die neuere Philosophie.

305

Kant in gewissem Sinne objectiv. Er nannte es objectiv, sofern wirnur von unserer Erfahrung reden; dagegen transscendent, odermit anderer Bezeichnung falsch, wenn wir solche Erkenntnisse aufdie wirklichen Dinge anwenden, die er für unerkennbar hielt.

Seine Nachfolger dürsteten nun aber wieder nach absoluterErkenntniss, und indem sie den Pfad besonnener Erörterung ganzund gar verliessen, schufen sie sich eine solche durch die Dogmatikihrer Philosopheme. Es entstand das grosse Axiom von der Einheitdes Subjectiven und des Objectiven; die fabelhafte petitio prin-cipii von der Einheit des Denkens und Seins, in welcher sich auchBüchner noch befangen zeigt.

Nach Kant giebt es eine solche Einheit nur in der Erfahrung;diese Einheit aber ist eine Verschmelzung; sie ist weder reinesDenken, noch giebt sie das reine Sein. Nun aber sollte es nachHegel umgekehrt sein: grade das absolute Denken sollte mit demabsoluten Sein zusammenfallen. Dieser Gedanke gewann wegenseiner grossartigen, dem Bedtirfniss derZeit entsprechenden UnsinnigkeitBoden. Er ist die Grundlage der berüchtigten Naturphilosophie. In dertrüben Giihrung der Hegelschen Schule konnte man oft nicht entscheiden,wie es mit diesem Gedanken eigentlich gemeint sei. Er konnte vonvornherein als wirkliches metaphysisches Princip oder als ein co-lossaler categorischer Imperativ zur Beschränkung der Metaphysikanfgefasst werden. Im letzteren Falle nähert man sich Protagoras.Sollen wir den Begriff des Wahren, Guten, Wirklichen u. s. w. so de-finiren, dass wir nur das wahr, gut, wirklich u. s. w. nennen, wasfür den Menschen so ist; oder sollen wir uns einbilden, dass das,was der Mensch als solches erkennt, auch für alle denkenden Wesen,die es giebt und geben kann, in gleicher Weise gelte?

Die letztere Auffassung, welche allein dem wahren, ursprüng-lichen Hegelianismus eigentlnimlich ist, führt mit Nothwendigkeit zumPantheismus; denn es ist darin die Einheit des Menschengeistes mitdem Geiste des Alls und mit allen Geistern schon als Axiom voraus-gesetzt. Ein Tlieil der Epigonen hielt sich jedoch mit Feuerbach anden categorischen Imperativ: wirklich ist, was wirklich für den Men-schen ist; d. h. weil wir von den Dingen an sich nichts wissenkönnen, so wollen wir auch von ihnen nichts wissen, und damitPunktum!

Die alte Metaphysik wollte von den Dingen an sich Erkenntnise-haben; die Naturphilosophie fiel in diesen Fehler zurück. Kant steht

Lange, Oeseh. d. Mat. 20