III. Physikalisches.
Tiden.
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schlossen, dass eine selbständige Fluthwelle existire, denn in demMichigan -See, welcher gleich der Ostsee eine meridional gerichteteHauptachse hat, aber weit kleiner ist, als die Ostsee , indem seinegrösste Ausdehnung nur der Entfernung zwischen der WestküsteRügens und Memel gleichkommt, sind Tidenbewegungen des Wasser-spiegels nachgewiesen worden. In der Ostsee werden jedoch solcheetwaigen selbstständigen Fluthwellen durch die aus der Nordseekommenden so völlig verdeckt, dass sie bis jetzt noch nicht habenkonstatirt werden können. Aber selbst die aus der Nordsee in dasbaltische Meer eindringenden Tiden sind so unbedeutend, dass manlange glaubte, die Ostsee entbehre der Ebbe und Fluth. Auf-merksam wurde man indess durch den Umstand, dass bei ruhigemWetter und selbst bei gleich bleibender Windrichtung die Gattszwischen Haffen und Ostsee , ja selbst grössere Ströme und schmaleMeeresstrassen zwischen manchen der dänischen Inseln (z. B. derGuldborgsund zwischen Laaland und Falster und der Svenborgsund,zwischen Fünen und Taasinge) sowie der Kleine Belt bei Fredericia ohne erkennbaren Grund in regelmässigen Pausen einen Wechsel inder Stromrichtung zeigten, eine Thatsache, die nur durch die An-nahme von Ebbe und Fluth erklärt werden kann. Sehr genaueMessungen ergaben denn auch die Richtigkeit dieser Annahme undnachdem zunächst für die Mündung des Kleinen Belts regelmässiginnerhalb des Zeitraums von 1837 bis 1839 bei Fredericia vorge-nommene Untersuchungen die Tiden nachgewiesen hatten, wurdefür die eigentliche Ostsee deren Existenz jzuerst auf Grund der imWismarschen Hafen von 1. Juli 1848 bis 31. Decbr. 1855 täglichgemachten Wasserstandsbeobachtungen dargethan. Für die preus-sischen Küsten und Travemünde folgten bald die Arbeiten Hägens,der die innerhalb der elf Jahre 1846 bis 1856 angestellten Beob-achtungen auf die Frage nach Ebbe und Fluth geprüft hatte.Schliesslich haben in Karlscrona, Stockholm und Helsingfors im Märzund April 1860 Beobachtungen in Rücksicht' auf die Existenz derTiden stattgefunden. Zu gleicher Zeit haben alle diese Beobach-tungen nachgewiesen, dass auch dann, wenn besondere Umständeden Wechsel in der Stromrichtung einmal verhindern, der Wasser-spiegel trotzdem zur Fluthzeit steigt und zur Ebbezeit sinkt. Sovermag z. B. im Kleinen Belte 1 ) die Fluth, welche stets von Norden
x ) Irminger, über Ebbe undFluth im Kleinen Belte bei Fredericia (Zeitschriftfür allg. Erdkunde. II. Bd., 5. Heft. Berlin 1857.)