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Ratpert der erste Zürchergelehrte : ein Lebensbild aus dem neunten Jahrhundert / gezeichnet von Georg Rudolph Zimmermann, jun.
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dessen Gestalt Scheffel in seinemEkkehard" in bezaubernder Sprachezum Zerrbild mißgestaltet hat) so war Notker (II., der Arzt, oderPfefferkorn) in die vertraulichste Nähe zum König Otto II. gekommen,und als dieser seinen Mentor später besuchte, ließ er es sich nichtnehmen, den blinden Greis selber im Kloster herumzuführen. Freilichauch gefürchtet waren Fürsten , denn immer wußten sie schöne Codiceszu erhalten, welche man dann später in den Repositorien derBibliothek nicht mehr fand. So zeigte man eben diesem Otto 972die Bibliothek nur unter der ganz bestimmten Bedingung, daß er sienicht vermindere, und trotz seiner Zusage konnte er sich nicht enthaltenviele Bücher wegzuführen, von denen Ekkehart II. einen Teil dannwieder zurück erhalten konnte. Die Bibliothek hatte indessen nichterst jetzt eine ganz besondere Anziehungskraft, denn, wie I. von Arx,vielleicht etwas zu allgemein bemerkt, wardie Bibliothek des Klosters(St. Gallen) auch die des kaiserlichen Hofes, woraus dieser seineLesebücher sich holen ließ" (Geschichte des Cantons St. Gallen Bd. I.Pag. 75). Wir verdanken die Kenntniß dieser interessanten Tatsachedem öfters schon herbeigezogenen Catalog des neunten Jahrhunderts,welcher sagt, daß sich das Werk Gregors des Großen:Vierzig Pre-digten zu den Lesungen der Evangelien" in vier Bänden, bei derAbfassung des Catalvges zum Teil (mit einem Band) in denHänden Kaiser Carls befand. Aber auch die Königin, Richardis ,ließ sich ein kostbares Werk leihen, zwölf Predigten desselben Ver-fassers über den ersten Teil des Propheten Ezechiel . Daneben warsie auch noch im Besitz der Erklärungen des hl. Hieronymus überJonas, Nahum , Zephania und Haggai . Es ist daher sehr begreiflich,daß man den leicht sehr nützlich werdenden Herrn mit ganz besondererEhrfurcht empfing, und unter den Mönchen entstand ein wahrerWetteifer, das beste Empfangslied zu verfertigen. So trat denn derDekan Waltramm, der sich auch später als Dichter noch sehr aus-gezeichnet hat, mit einem in sapphischen Strophen redigirtenLioth"oderLeich" hervor, der beginnt mit den Worten:

Du des Kaiserstamms des gemaltgen, Sprosse

Mehrer du des Reichs unerhörter Weise,