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VESTA MATER.
Man darf allerdings nicht vergessen, dass, wo Vesta dieBedeutung einer Göttin des nährenden Hausherds hat, siediess nie schlechtweg ist, dass der Herd ihr Symbol stetszugleich pach der Seite ihrer religiösen Weihe hin ist. Aberimmerhin sind in Italien diese Gedanken so mächtig gewesen,dass Vesta mütterlich, 1 dass der Herd mit seinem Feuerzeugungskräftig geworden ist. 2
Zwar ist der Versuch gemacht worden, dem Beinamen'Mater’ eine so allgemeine Bedeutung beizulegen und dieselbedadurch so abzuschwächen, dass trotz desselben der jung-fräulichen Göttin ihre reine Jungfräulichkeit erhalten werdenzu können schien. 3 Allein man hat damit unmöglichesversucht: eine Jungfrau ist einmal keine Mutter, eine Mutterke\ne Jungfrau. 4
Und die Arvaltafeln unterscheiden ja eben ausdrücklichzwischen der Jungfrau und der Mutter. Dazu kommt, dass
die Vestalinnen einen Fascinus, 5 dass sie ferner eine Schlange
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1 S. o. S. 28 f.; 241; 246 u. vgl. noch ausser Senec. exc. contro-vers. IV, 2, 1 Isidor, origin. VIII, 11, 61: Vestam, qund herbis velvariis vestita sit rebus vel a vi sua stanilo. Eandem et Tellurem etMatrem magnam fingunt, turritam cum tympano et gallo et strepitucymbalorum. Matrem vocatam, quod plurima pariat. Magnam, quodcibum gignat, almam, quia universa auimalia fructibus suis alat. Estenim alimentorum nutrix terra. Orelli 1181 lesen wir (wie sonst pon-tifex Vestae) pontifex Vestae matris (s. o. S. 318. A. 1). VESTAMATER wiederholt auf Münzen. S. o. S. 326. A. 7; S. 330. A. 3. 'A. 6.
Endlich findet sich selbst unter den 'notae Tironianae’ p. 92 ed.Gruter., in der ‘palaeogr. ent.’ auct. U. F. Kopp II. Mannh. 18i7.p. 404. 403) eine eigene Nota für Vesta mater, eine eigene für Vestaallein.
* S. u. Vesta im Mythos’.
* S. z. B. Preller, röm. Mythol. S. 547.
* Vielleicht verdient es auch unter diesem Gesichtspunct Be-achtung, dass wiederholt Kaiserinnen und zwar schon Livia mit denAttributen und unter dem Namen der Göttin erscheinen. Denn geradebei ihr müsste diess in Rom sonst am meisten auffallen. S. o.S. 332 f.
6 Plin. h. n. XXVIII § 39: qui deus inter sacra Romana a Vesta-libus colitur. Gewiss ist dieser Phallus nicht einfach Amulet. S. u. XI.