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Hestia-Vesta : ein Cyclus religionsgeschichtlicher Forschungen / von August Preuner
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VESTA MATER.

Merkwürdig ist jedesfalls auch, dass der Esel in dervon Ovid 1 in seiner Weise erzählten Fabel durch seinSchreien, mit dem er die nach einem Fest der Kybele inSchlaf gesunkene Göttin weckt, ihre Keuschheit vor einemAngriff des lüsternen Priapus rettet. Wer in solchen altenMythen zu lesen gewöhnt ist, in dem wird der Gedankeauftauchen, dass hier eine alte Vermischung der Göttin mitPriapus d.h. dem L'ar agrestisoder Faunus verhüllt sei. Später,nachdem die Begriffe geläuterter geworden waren, und wo diejungfräuliche Natur der Göttin so stark betont wurde, scheuteman sich, sie als befleckt zu denken, und so nahm derMythos von selbst die Gestalt an, als habe nur ein geschei-terter Versuch auf die Keuschheit der Göttin stattgefunden,ein Versuch, der durch ein Thier vereitelt worden sein sollte,das ursprünglich selbst als ein Symbol der Fruchtbarkeitdurch seine Beziehung zu Vesta einen Beleg für ihre mütter-liche Natur abgiebt.

Die Bildung der Göttin in matronaler Gestalt wurdeschon erwähnt. 2 Unbedingt erscheint sie so auch auf demRelief des Bäckers C. Pupius Firminus. 3

Diese Mütterlichkeit der Göttin hängt offenbar mit ihrerSorge für die Ernährung des Staats und der Familien zu-sammen. Das heilige Opferfeuer ist unfruchtbar, die Göttindes nährenden Herdfeuers dagegen kann man sich kaumanders denn mütterlich denken.

Immer wieder drängt sich die Bemerkung auf, dass dierömische Religion ihren pantheistischen Charakter insbeson-dere in dem Mangel schärferer Trennung der einzelnenGöttergestalten bewähre. Derselbe hat noch andere Gründe,zunächst den, dass die Römer im Vergleich zu den Griechender poetischen, plastischen Gestaltungskraft entbehren. Aberder Hauptgrund für das fortwährende Ineinanderfliessen der

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1 Ovid. fast. VI, 319 sqq.

* S. o. S. 185; 241 ff.

1 S. o. S. 242 f.