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Hestia-Vesta : ein Cyclus religionsgeschichtlicher Forschungen / von August Preuner
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VESTA MATER.

Gewiss würde man mit Unrecht die Entwicklung derrömischen Göttin auf griechischen Einfluss zurückführen.

Sie erfolgte durchweg auf nationalem, italischem,wahrscheinlich latinischem Boden. Denn von Lavinium stammtder römische Vestacült. 1 Allerdings wenn Vesta Erde heisstals Mittelpunct der Welt, so ist diess aus der hellenischenSpeculation überkommen. Aber die römische Vesta alsErde ist diess nicht bloss als der astronomische Mittelpunctder Welt , 2 sondern auch als die fruchtbare Erdgöttin, 3 alsdie mit Pflanzen bekleidete (vestita), * als die, aus derenMutterschooss die Früchte hervorkeimen (daher die Identifi-cation mit Proserpina ). 5

Sogar mit Venus ist Vesta zusammengeworfen worden . 6

Gewiss man müsste die Augen wie absichtlich ver-schliessen, wollte man solchen Thatsachen gegenüber nochdie Behauptung bekämpfen, dass innerhalb der römischenVesta von der jungfräulichen eine mütterliche Göttin unter-schieden werden muss.

Die italische Göttin ist nicht bloss die Göttin des reinen,heiligen, unfruchtbaren Feuers gewesen. Die Idee deslebennährenden, nahrunggebenden Feuers hat in ihr mitganz anderer Intensivität als in Hellas sich geltend gemacht.

Auch sonst hat die römische Religion als »die Religion

*

1 S. u..Vesta im Mythos.

2 In diesem Sinn scheint sie noch am meisten da als Erde ge-nommen, wo die Erklärung 'stat vi terra sua dafür angegeben wird, wiebei Ovid . fast. VI, 267. Vgl. Arnob. II, 32. Serv. zu Verg. Aen. II, 296.Vgl. Macrob. I, 23, 8: Quod autem (Plato) addit: /Erei S'e 'E. ev -frecor oXx<oftör>] (s. o. S. 161 f.), signiflcat, quia baec sola, quam terram esse acci<pimus, manet immobilis intra domum deorum, id est intra mundum, utait Euripides (s. o. S. 11;l59).

3 S. Isidor a. o. S. 336 A. 1 a. 0. Vgl. auch Festus o. S. 167 A. 2.

* Varro bei Aug. VII, 24 u. s. d. o. a. Stelle des Isidor.

6 Vgl. Mythogr. I. c. 112.

8 Aug. c. D. IV, 10: Quis enim ferat, quod, cum tantum honoriset quasi castitatis igni tribuerint, aliquando etiam Vestam non erube-scunt Venerem dicere, ut vanescat in ancillis eius honorata virginitas?