BISHERIGE BEHANDLUNG DER R. SAGENGESCHICHTE. 347
Ein merkwürdiger Vorläufer Niebuhrs nach einer andernSeite hin ist dann bekanntlich Vico, 1 von dessen freilich ineinem Wust von Träumen wie begrabenen Gedanken wirhier nur den einen hervorheben, dass es für alle Völker eineNaturnothwendigkeit war, eine Zeit lang in ‘caratteri poetici’zu denken. 2
Diese Idee, die Idee von Volksepen, Volksliedern ist esja, aus welcher die moderne positive historische Kritik desMythos erwachsen ist.
Ihr Vater aber ist nicht Vico. Seine Gedanken in derForm, in welcher er sie niederlegte, waren nicht zeugungs-kräftig. F. A. Wolff in seinen berühmten Prolegomenen zuHomer 3 ist der wahrhafte Bahnbrecher zu diesem so über-aus fruchtbar gewordenen Gedanken, freilich nur so, dasser denselben nicht sowohl mit vollem Bewusstsein seinesUmfangs und seiner Bedeutiing aussprach, als vielmehr nurauf streng philologisch-kritischem Weg zu Resultaten ge-langte, in denen derselbe vercörpert war.
Was Wolff für die Litteraturgeschicbte geleistet hatdurch Anregung der homerischen Frage, das geschah durchNiebuhr auf politischem Gebiet. 4 Seine Idee von römischenNationalepen trägt den Stempel ihrer Abhängigkeit von denWolflf’schen Untersuchungen.
Die Idee einer epischen Volkspoesie ist unterdessen für dieröm. Sage fast ganz aufgegeben worden. Mannigfache Versuchehat man an ihre Stelle gesetzt. A. W. Schlegel wollte die An-nahmeschriftstellerischer Erfindung durchführen , 5 Schwegler 6findet vorzugsweise den Namen aetiologischer Mythen bezeich-
*
1 Seine Principi di scienza nuova d’intorno alla commune naturadella nazioni erschienen zuerst 1725. Vgl. Schwegler, r. G. I S. 136.
2 Vgl. Schwegler a. a. 0. S. 137.
3 Sie erschienen bekanntlich 1795.
4 R. Gesch. Bd. I 1 A. 1811.
5 S. W. XII. 447 f. 486 ff.
6 Vgl. Schwegler a. a. 0. I S. 63., a. a. 0. bes. S.* 66 ff.