NEUERE AUFFASSUNGEN DER MYTHEN . 353
selbst beschrieben, alter Zeiten ewiges Räthsel hab ich zudeuten unternommen.«
An die Stelle der Lehre vom Durchscheinen der Offen-baruug Gottes an die Israeliten trat jetzt die von einer Ur-offenbarung Gottes an die Menschheit. ‘Die gegenwärtigeMenschengattung genoss die Erziehung höherer Naturen’,welche in den Sagen von einem goldenen Zeitalter und in•dem Bild der Heroen und Götter verewigt sind, und wo-mit auch die Erkenntniss stimmt, »dass die frühere Naturder Erde sich mit edleren und höher gebildeten Formenvertrug«. 1
So pflanzte sich die Weisheit fort, aber natürlich warennicht alle im Stande, sie rein zu vernehmen. Nur die eineClasse der Menschen, »die Freien, welche die Ideen reprä-sentieren ,« waren der esoterischen Religion fähig. Dieandern, die Nichtfreien, welche die concreten und sinnlichenDinge repräsentieren, können nur höchstens in den Vorhofder esoterischen Religion, die in den Mysterien gelehrt wird,gelangen.
Richtig erkanntes Heidenthum und Christenthum unter-schieden sich kaum dem Werthe nach auf diesem höchstenStandpunct. Stellte doch Schelling (in der 9ten der Vor-lesungen über die Methode des akademischen Studiums. 1807)Sätze auf, wie der: »Man kann sich des Gedankens nicht er-wehren, welch’ ein Hinderniss der Vollendung die sog. bib-lischen Bücher für dasselbe (das Christenthum) gewesen sind,die an ächt religiösem Gehalt keine Vergleichung mit sovielen andern der früheren und späteren Zeit, vornämlichden indischen, auch nur von ferne aushalten.«
Man könnte an der revolutionären Natur jener Sätzeerschreckend es unbegreiflich finden, dass theologische undpolitische Reaction mit dieser Philosophie in Bund getretensind. Aber diese Geringschätzung der h. Schrift gegenüberder anderweitigen religiösen Überlieferung, dieser Unter-
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1 S. Schellings Philos. und Relig. Tübingen 1804 S. 65 ff.
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