BEGRIFF UND EINTHEILÜNG DER MYTHEN . 361
religiösen Gehalt der Mythen darzulegen und ihre Entstehungnachzuweisen. Seine Behandlung der Aeneassage ist vor-trefflich. Weit weniger ist ihm die der römischen Gründungs-sage gelungen. In Beziehung auf sie gibt Mommsen geist-reiche Winke. Allein ihn hält seine überwiegend negativ-kritische Stimmung ab, tiefer einzudringen. Ihm gegenüberfragt es sich vor allen Dingen, ob in Korn wirkliche Mythendenkbar sind.
BEGRIFF UND EINTHEILÜNG DER MYTHEN .
Zieht man nunmehr das methodologische Ergebniss ausder bisherigen Behandlung der Mythen — die antiken Vor-läufer der modernen Mythologie mussten hier natürlich beiSeite gelassen werden —, so ergeben sich folgende Haupt-sätze. Die älteste Periode im Leben der Völker ist die,wo ihr Geist, noch nicht zum begrifflichen Denken erstarkt,Anschauungen und Vorstellungen in erzählender Form wie-dergibt. Unbekannt wie sie sind mit dem grossen Causal-zusammenhang innerhalb der Natur, erblicken sie überall,wo eine Wirkung wahrgenommen wird, das unmittelbareWalten der letzten und höchsten, der göttlichen Kräfte.Insofern sind alle ältesten Mythen religiös. In allen han-deln Götter. Die Unterscheidung zwischen religiösen undnicht religiösen Mythen ist für die mythenbildende Zeit imengsten Sinne des Worts falsch. 1
Mit der Zeit macht sich der künstlerische Verstandgeltend. Er verleiht den Mythen schöne Form und damitkünstlerischen Gehalt. An die Stelle von Ursachen, welchedie religiös-grübelnde Vorstellung angenommen hatte, trittdie künstlerische Motivierung. Nach dem ursprünglichen
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historischen wieder aufgenommen wird. In Schweglers gediegener Arbeitkreuzen sich, wie wir sahen, Mythendeutung und historische Kritik.
1 Insofern kann ich auch die Ausscheidung von »der Phantasieallein angehörigen Bildern und Geschichten« aus »Mythen der Religion«,wie sie Welcher gr. Götterl. III S. XXX f. verlangt, nicht für gerecht-fertigt halten.