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Mythos umarmte Zeus die Erdgöttin Semele im Gewittersturm,weil hier die befruchtende Kraft des Himmels am gewaltigstensich geltend macht, weil das feurige Nass des Weineszumal, das zu Dionysos in engerer Beziehung steht als dieübrige von der üppigen Kraft der Natur hervorgetriebeneVegetation, unter Donner und Blitz erzeugt schien. Der poe-tische Mythos motiviert den Besuch des Gottes in seinerHerrlichkeit durch die Eifersucht der Here, welche der Semele,die nun nicht mehr als Göttin erscheint, Misstrauen in dasVorgeben ihres Bräutigams, er sei Zeus , einflösst, und sie sozur Bitte bestimmt, in seiner göttlichen Majestät ihr beizu-wohnen, weil sie weiss, dass diess der sterblichen sichern Todbringt. Denn der poetische Mythos, indem er die Götter men-schenähnlicher macht, scheut sich nicht, einzelne, ja viele,deren göttliche Verehrung bis zum völligen Verschwindenabgenommen hatte, zu Heroen, ja zu Menschen herabzu-setzen. Der Mythos verliert so allmählich seinen specifischreligiösen Charakter.
Mit der Zeit tritt an die Seite dieser poetischen Erzählungdie des wirklich Geschehenen, die Geschichte. Ich sage,an die Seite, nicht an die Stelle. Denn wenn die andernFähigkeiten des Geistes sich allmählich ausbilden, tritt zwardie mythenbildende Phantasie, die bisher ausschliesslichherrschte, zurück, aber sie erlischt nicht. Natürlich werdenbeide zunächst in engster Verbindung stehen.
Mythos und Geschichte verbinden sich, der Mythos um-rankt, verdunkelt oder schmückt die Geschichte, eine histori-sche Figur schmilzt mit einer mythischen zusammen. Auchdie Geschichte selbst wird mythisch ausgedrückt. Die Ge-schichte eines Stamms wird in der Geschichte eines Stamm-heros wiedergegeben. Die Entstehung von Einrichtungenund Gebräuchen, von alten Heiligthümern und Denkmälernwird gleichfalls nicht schlicht, sondern mythisch erzählt. Dertiefere Sinn derselben soll erfasst werden. Der Volksgeistaber vermag denselben noch nicht begrifflich , nur erst inForm mythischer Gestaltenbildung, wiederzugeben, so dass