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er, indem er die Geschichte entstellt und verdunkelt, zugleichin ahnenden Zügen dem, der diese Sprache versteht, ihrentieferen Gehalt enthüllt. Das ist die Zeit der historischen,der aetiologischen Mythe, der Sage. Immer mehr wird mitder Zeit die Geschichte überwiegen, der Mythos immer mehr nurnoch wie Epheu den festen Stamm der Geschichte umranken.
Es ist also falsch, mythenbildende und historische Zeitabsolut zu trennen. Die mythenbildende Zeit ist unfähigzur Geschichte, die historische aber nicht frei von Mythen.Nur wird in der historischen Zeit der Mythos selten reinVorkommen, er wird sich gewöhnlich an eine Thatsache, einEreigniss, eine Institution, ein altes Monument anschliessen.Und zwar geschieht diess nicht bloss so, dass sich neueMythen bilden, sondern vielfach verbinden sich alte Mythenmit historischen Ereignissen zu einer neuen Bildung. Sowenn König Karl wie Wodan im Odenberg wohnt, 1 istder Mythos von Wodan auf die historische Gestalt des grossenKaisers übertragen. Sein weisser Bart deutet auf Wuotan,wie Friedrich Barbarossas rother auf Donar. 2
Nur reine Mythen ohne Anlehnung an geschichtliche Mo-mente sind natürlich in historischer Zeit viel seltener, wenn auchnicht unmöglich. Wo wir solche in historischer Zeit die Tra-dition umrankend oder überwuchernd finden, liegt es nahe,an die Verbindung alter ächter Mythen mit geschichtlichenEreignissen zu denken und die Sage unter solchen Gesichts-puncten zu untersuchen.
Naturgemäss wachsen Mythen am fröhlichsten und üppig-sten in Zeiten grosser Erregung der Gemiither und derPhantasie auf. Wie der älteste, ächteste Mythos wesentlichreligiöser Natur ist, da er in einer Zeit entsteht, wo fastalles, weil die natürlichen Ursachen noch nicht begriffen sind,auf das unmittelbare Walten und Eingreifen göttlicher Mächtezurückgeführt wird, so liegt es in der Natur der Sache, und
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1 Grimm, deutsche Mythol. 3. A S. 905 ff.s Grimm a. a. 0. S. 910 ff.