ÜBER DIE ERFORSCHUNG RELIGIÖSER MYTHEN. 369
und nach diesen die Germanen repräsentieren, wie sie alsspätere Glieder in die weltgeschichtliche Reihe eintreten.Diesen ethischen Fortschritt hatten sie innerlich gemacht, alsihnen mit dem Eintritt in die Culturentwicklung der Mensch-heit die Aufgabe zufiel, nun auch das künstlerische undwissenschaftliche Capital, welches sich indessen angehäufthatte, die gesammte seither erworbene Civilisation sich an-zueignen.
Mommsen sagt, 1 es liegt in der Natur der Chronik,dass sie — wenn nicht bis auf die Entstehung von Himmelund Erde, doch wenigstens bis auf die Entstehung der Ge-meinde zurückgeführt zu werden verlangt.
Wenn Sokrates nach einer Auffassung, die viel richtigerund tiefer ist, als man häufig glaubt, mit vollem Bewusst-sein die naturphilosophische Speculation verwarf und dasPhilosophieren auf die praktischen Fragen der Menschheitausschliesslich hinlenken wollte, 2 so ist es das römischeVolk als Volk, das von Haus aus da beginnt, wohin Sokrates die Hellenen erst führen wollte. Diess scheint mir derGrund, warum die römische Sage statt mit der Entstehungder Welt mit der der Gemeinde beginnt.
Gewiss trug aber jene Prellersche Erwägung wirklich mitdie Schuld daran, dass man die italischen, die römischen Mythenauf ihren religiösen Gehalt zu untersuchen bis jetzt kaumangefangen hat.
Jedoch die Hauptursache lag anderswo.
Über die Schwierigkeit der Erforschung religiöser Mythen.
Die religiösen Mythen sind die ältesten. In ihrer ur-sprünglichen Gestalt finden wir sie auch in Hellas nur
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1 Mommsen, röm. Gesch. I 3 S. 456. S. o. S. 349.
2 Vgl. Aristot. metaph. I, 6, 3; XIII, 4, 4; de part. anim. I, 1p. 642, a, 29; Cic. Tusc. V, 4, 10: Socrates primus philosophiam devo-cavit e caelo et in urbibus conlocavit et in domus etiam introduxit etcoegit de vita et moribus rebusque bonis et malis quaerere.
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