1554 Schütz.
Schweiz so häufig nach der Natur gezeichnet hatte.Bisher sprachen wir nur von Schütze dem Zeich-ner; gleichwohl war die Oelmalerey sein eigentli-ches Fach. Auch hier zeigie sein kraftvoller mäch-tiger Pinsel überall denselben Geist, der in seinenZeichnungen wshnt; indessen beschuldigen Kennerseine Gemälde (wohl nicht ohne Grund) einesMangels der Harmonie und einer Härte, die ervielleicht auch noch abgelegt hätte, wenn sein auf-brausender Geist ein wenig würde vergohren haben.Zu Basel hatte er, ausser einigen Rheinfällen keinausgearbeitetes Bild gemalt; desto mehr sogenannteSüs-Portes, weil da sein Pinsel mit der Einbil-dungskraft am Freyesten davon laufen konnte. ImGanzen hat er wenig gearbeitet; bey Weitem nichtdie Hälfte von dem, was er mit einem sehr mäßi-gen Fleiß hätte machen können. Seine Liebe zurMusik, zum Weine, zu langen Mahlzeiten, zulustigen Gesellschaften, wo er in unzähligen Posseneben so unerschöpflich war,^ als seine Zuschauerund Zuhörer insgemein unersättlich, nahm ihm dengrößten Theil seiner Zeit. Setzen wir nun zu alledem eine ihm ganz eigene Trägheit, die zum Theilvon der Abmattung herkam, in der er durch denEifer, mit dem er Alles that, und durch die hefti-gen konvulsivischen Bewegungen, in die er seineMaschine setzte —ordentlich schmachtete, so werdenwir seine Unlzätigkeit begreifen, und gutentheilsentschuldigen. Seine Liebe zur Musik war unge-meffen. Oft konnte man nicht entscheiden, ob ermehr Maler oder mehr Musiker sey. Lein Instru-ment war die Violine; er spielte die schwerstenParrhien auf erste Ansicht; Kenner sagten, seinBogenstrich key kraftvoll, aber auch harr, wie seinPinsel. Dann katte er etwas ganz Eigenes: Erbegleitete das, was er spielte, zumal seine eignenPhantasien mit dem Munde, in einem Ton, wel-cher demjenigen der Hautbois und des Waldhornesnicht unähnlich war. Ueberhaupt, so oft er einenTon hörre, der sein Ohr stark berührte, ruhete ernicht, bis er ihn nachahmen konnte. Sein Körperfolgte der nämlichen Regung; Alles, waö ihmauffiel, mußte er ausdrücken, und seine Gliederhatten sich nach und nach so maschinenmäßig demWollen der Seele unterworfen, daß sie in bestän-diger Bewegung waren, und eine Menge Dingebezeichne en, oft ohne daß er es wußte. Nichtselten ließ er sich vom Strome der Gedanken sohinreisten daß er auf der Gaße stehen blieb, mitHanden und Füßen arbeitete, und mit dem Mundein großes Geräusch machte. Ueberhaupt handelteund dachte er bald in Nichts, wie andre Menschen,sondern hatte in Allem seinen eigenen Hang, oderfolgte vielmehr seinem Instinkt. Eben dieser lei-tete ihn auch bis auf einen hohen Grad in derKunst. Nie hörte man ihn viel über dieselbe reden.Er strich aus: Weil es nicht so seyn müße —undänderte, weil es so seyn sollte: Er wisse wohl,wenn es nicht recht sey — und wieder, wenn esrecht komme, ob er gleich nicht sagen könne, wa-rum? Er bekümmerte sich um keinen Kunstausdruck,und kannte nur einige wenige vom Hörensagen.Eingeschränkter als ihn, konnte man kein mensch-liches Geschöpf sehen, für Alles, was nicht Kunst,oder Musik, oder Lebensgenuß war, oder mitdiesen nicht in naher Verbindung stand; für Alles,was ausser diesem Kreise lag, hatte er weder Sinn»och Gefühl, so daß man mit ihm Stunden langvon gewissen sehr einfachen Dingen sprechen konnte,ohne ihm den geringsten Begrif davon beyzubrin-gen. An der Tafel und in gemischter Gesellschaftwußte er meist nicht, wovon die Rede war; nurbisweilen haschte er etwas auf, das gerade inseinen Jdeengang fiel, und sprach dann darüberso, als wenn die klebrigen sich die ganze Zeit mitNichts beschäftigt hätten, als mit diesem. Auseben der Ursache halte er lange Weile in jedereigentliche» Gesellschaft; entweder mußte er dieganze Gesellschaft unterhalten, oder Eine oder
Aber, wie würde All' dieses gekommen kenn, ohne
ihm, bis zur Schwärmerei) liebte? Entscheiden wollei
S ch ü h.
mehrere Personen mußte sich einzig mit ihm abge-ben, wenn es nicht zum Hochgähnen bey ihmkommen sollte. Von sogenannter Lebensart hatteer nicht den geringsten Begrif, und man sah'sihm deutlich an, wie sehr er unter dem Zwangseufze, wenn er um Personen war, mit denen ernur im Mindesten seinen gewohnten Ton ändernmußte; auch fiel er vor End' der ersten Stundeimmer wieder auf den seinigen, ohne daß dochjemand (selbst Fremde, die ihn vorher nicht ge-kannt) dadurch sich beleidigt gefunden hätte; dennjedermann erkannte bald das Geprag seiner ori-ginellen unverdorbenen Natur. Das Geld hattefür ihn ungefähr eben den Werth, wie vor öoo.Jahren eine spanische Münze für den Mexikaner;er besah es einen Augenblick, wenn das — Gepragschön war. Das Wenige, waS er gewann, hobman für ihn auf, und wenn er bisweilen Einigesin der Fiecke trug, so gab er es, ohne auf denWerth Acht zu geben, an den ersten Dürftigenhin, der ihn dafür ansprach. Daher war er oftviele Monathe lang ohne einen Heller, und ver-langte auch nichts von dem Vorgesparten; sondern,wenn er an einem öffentlichen Ort oder sonst ir-gendwo im Fall war, etwas auszugeben, so sagteer ohne Weiteres dem ersten beßten seiner Bekann-ten, Er soll für ihn bezahlen Ob diese oderandere Schulden späterhin getilgt würden, warihm so gleichgültig, daß er nie wieder daran ge-dacht hatte, wenn er nicht wäre erinnert worden.Eine Sache kaufen, oder sie zum Geschenk em-pfangen, war ihm so gleichgültig, daß er demGeber wenig mehr verbunden zu seyn glaubte, alsdem Verkäufer. Er schenkte viel weg, und hättenoch mehr verschenkt, wenn man ihn nicht abge-halten hätte. Seine Bedürfnisse befriedigte er gernauf der Stelle; um nicht Geld zu suchen, gaber dann mehrmals willig etwas Anderes dafür hin,das den doppelten oder dreyfachen Werth hatte.Nie fast lebte er anders, als in der Gegenwart,d. h im augenblicklichen Genuße. Die Erinnerungdes Vergangenen harte wenig Reitz und wenigTrauern für ihn, und von der Zukunft hakte ernur gar keinen Begriff; von dieser sprach er nie,und hatte nicht die geringste Aufmerksamkeit aufdas, was Andre davon sagten *). Die unange-nehmsten Vvlfälle vergaß er so, daß er eine Stundenachher weder mehr davon sprach, noch darandachte. Eine solche Lebensweise verbreitete eineunausgesetzte Heiterkeit über sein ganzes Wesenund Thun : Man konnte keinen durch gänzlicheSorglosigkeit so glücklichen Menschen sehen; kaumEinen, der ihm hierinne nur einigermaaßen gleichgekommen wäre. Diese seltene Gemüthsfassung,seine ununterbrochen gute Laune, und sein allge-meines Wohlwollen verbreitete sich über Alles,was ihn umgab, und man konnte nie eine Stundeum ihn seyn, ohne daß es einem selbst wohl ward.In der Kunst (Hort, hört!) war er von einerBescheidenheit, die ihres gleichen nicht hatte; erlobte mit gutem Herze», und sah' mit VergnügenAlles, was nur einigermaaßen erträglich war —und zwar auch dieses ohne Anmaßung, und ohneden mindesten stolzen Rückblick auf sein eigeneshöheres Verdienst. Nicht selten erhob er mit or-dentlichem Freuoengeschrey Arbeiten, die den sei-nigeu bey Weitem nicht gleich kamen, und trat(zum Küßen schön!) vor Künstlern zurück, dieihr Knie vor ihm hatten beugen sollen. Da er inAllem nach seinem Instinkt handelte, so hatten dannfreylich weder Beyspiel noch Zureden Andrer nichtden geringsten Einfluß auf ihn: Man mogte aufihn wirken, wie man wollte — er blieb ewig, wieer war; die beßten, treffendsten Gründe, die manihm für oder wider etwas sagen konnte, warenseinen Ohren ein dumpfer Schall, mit dem ernicht den mindesten Begrif verband. Wer ihnrecht kannte, ließ es sich daher gerne vergehen,etwas an ihm zu ändern; auch hätt' er im Ganzen
den edeln Freund, der den Mensch und den .Künstler inwir nichts; doch, einiger Leser wegen, frage» ?