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merkwürdigen Mannes. Denn wie sehr gewinnendieselben an Interesse, wenn wir in zwey ausführ-lichen Aufsätzen über ihn, in Lssleusel's Mis-zellan. XI V. 8»—loi.und bey Hüs ge n N-A.280—87. substanzlich lesen, was folgt: „Schützempfieng in den katholischen Schulen zu Frank furt eine Erziehung, wie man sich solche, beson-ders in damaliger Zeit denken kann. Lesen, Schrei-ben , ein wenig Latein, und eine magere Kennt-niß seiner Religion, war Alles, was er darausin die Welt mir sich brachte. Zn Absicht auf dieseletztre glaubte er, ohne das mindeste Nachdenken,Alles, was man ihn gelehrt hatte, und machtepünktlich Alles mit, wozu ihn die ersten Lehrerseiner Kindheit verpflichtet hatten, hörte alle Sonn-tage die Messe an, fastete wöchentlich zweymal;sagte Jedem, der es hören wollte, wie nöthigdas Alles sey — entzog sich aber freylich alle dem,so bald er nur eine etwas scheinbare Entschuldi-gung sich selbst anführen konnte. Alsdann beichteteer — unterließ die ihm aufgelegte Buße, suchtesich das nächste Jahr einen andern Beichtvater,und schüttelte so allmahlig unwillkührlich den Zwangab, den man seiner Jugend aufgelegt hatte, undden sein freyer Geist nicht tragen konnte. Alle ei-gentliche Wissenschaft war ihm fremde. Von derGeschichte wußte er schlechterdings nichts, vonGeographie halte er nur gar keinen Begriff; auchsagte er oft, daß er selbst die ersten Anfangögründeder Rechenkunst nie habe erlernen können. In sei-nem Leben hat er vielleicht nie ein ganzes Buch ge-lefen. Wie er auch nur so viel Französisch gelernt,um sich nothdürftig ausdrücken zu können,hat man niemals erfahren. Nach Basel brachteer bereits eine außerordentliche Fertigkeit im Zeich-nen mit, nahm in sehr weniger Zeit die größtenAussichten auf, und führte sie »achwärts aus demGedächtnisse, weil er das Meiste nur leicht andeu-tete » mit einer Erinnerungskraft aus, die Jeder-mann in Erstaunen setzte. Wahr ist'S jedoch, dieseZeichnungen gaben zwar immer ein schönes Gan-zes; aber bey genauem Forschen fand sich, baßmancher feine, interessante Zug der Natur verlo-ren gieng, indem er in der Höhe denselben entwe-der ganz übersah, oder nachher bey der Ausfüh-rung sich nicht mehr darauf besann. Freylich än-derte er in der Folge ein wenig seine Manier, nachder Natur zu zeichnen; docy konnte ihn nichts dazubringen, auch bey den allereingeschränktesten Land-schaften und ganz nahen Gegenständen bis auf eingewisses Detail zu gehen. Schon langst hatte ersich in Darstellungen der sanften, lachenden Ufer-gegenden des Mayns und des Rheins wie erschöpft,da solche alle eine gewisse Gleichheit unter einan-der hatten. Schon damals war seine Manierleicht und angenehm; aber noch hatte sie nicht jenefeste Gewißheit, die er nachher in seine Arbeithineinbrachte. Seine Baume waren noch etwasschwer und klumpicht, und das Nadelgehölze be-sonders mager und steif. Ob er gleich nicht im-mer mit dem größten Vergnügen nach der Naturzeichnete, so bemerkte man hingegen, so oft er esthat, mit welcher Lebhaftigkeit er jedes, selbstdas vorübergehendste Phänomen auffaßte. Inder Folge dann mußten die großen Gegenwände,welche ihn jetzt in der Schweiz umgaben, äußerstfühlbar auf einen Geist wirken, dem die Kunsteigentlich Instinkt war. Seine Manier ändertesich zusehnds, in seinen Eichen und Tannen be-sonders. Doch war sein Baumschlag nie das,was seine Landschaft vorzüglich auszeichnete; seineFeisenvorgründe und seine Fernen sind weit merk-würdiger , und sein Wasser erhob ihn vollendszum Range der beßten Meister. Auch seineEchweizerschen Bauernhäuser sind überaus schön,ob er gleich auch hier manches Detail übersah,was den Aaberli und Freudenberger nicht entgan-gen seyn würde. Im Herbste 1777. zeichnete erzum ersten Male den Wasserfall bey Schaffhau sen , den er nachwärts auch wiederholt gemalthat. Auf Kosten der Wassermaffe nahm er den-selben, gegen die Weise seiner meisten Vorgänger,
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(wer hatte Recht?) ein wenig von der Seite,und bekam dadurch eine weit interessantere Land,schaft. Der seinige ist von C. M. Ernst geetztund mit der kalken Nadel vollendet worden; leiderein Schulversuch dieses letztem. Im Sommer2778. nahm ihn sein Freund Burkhardt auf eineSchweizer -Reise mit sich, auf der sich seine An-lage zum Großen und Erhabenen vollends entwi-ckelte. Diese Reise gieng durch Uri über denGotthard bis Mailand , dann über den Lago Mag-giore, durchs Oberwalliö, die Grimsel und dassogenannte Oberland nach Bern , und wieder nachHause, und machte für seine Kunst Epoche. Seinewichtigsten Zeichnungen, die er während derselbenaufnahm, waren: Stadt und See Sempach , vonder Kapelle Maria-Zell aus; zwey wunderschöneWasserfalle im Livinerthal; der merkwürdige Wegam Platifer; die Borromaischen Inseln; der Fur-kagletscher (diesen mit Widerwillen); den Tau-bensee auf der Gemmi; die Meyringer-Grindel-wald-und Lauterbrunn - Thaler, die Gegenden umUnterseen und Thun . Fast alle sind in schwarzerKreide, auf blau oder grau Papier, mit Weißerhöht. Nur selten zeichnete er auf weiß Papierin Kreide oder Bistre, ob ihm schon diese Manierüberaus günstig war. Andre ähnliche, minderwichtige Reisen machte er mit H. Burkhardt inden Schwarzwald , nach Zürich , ins Pays de Vaud , und durch das für den Landschafter sowichtige Bisthum Basel , wo er besonders de»Birsfall bey Grellingcn meisterhaft aufnahm. SeineManier ward nun immer mehr männlich und zu-gleich leicht; ganz anders, als die Franzosen ,verstand er es, große Gegenstände niemals kleinzu behandeln. Die ungeheuern Felsmassen desSchweizergebürges standen in ihrer ganzen grausenMajestät da, und flößten ehrfurchtsvollen Schauerein; aber auch bey ihrer Behandlung überließ ersich ganz seinem wilden Genius Seinen Felsenund Vordergründen gab er starke, kraftvolle Drucke,wodurch alle Theile sehr herausstellend wurden,aber auch sein Werk oft zum Theil (warum nichr?)die Ruhe und sanfte Harmonie verlor, die wirin der Italienischen Landlchaft bewundern. SeineFel,en waren oft zu scharf umrissen; mithin sahman nie an ihnen das Stumpfe, Kollugie, vomWecker Abgeschliffene, was uns z. B die (dochwohl oft alljumanierirt geleckten) Dietrichsche»Fehen so werth macht. Fast gegen das End seinesLebens änderte er auch hierin. Im December1780. gieng er mit seinem Freunde nach Genf .Hier machte tt die Bekanntschaft der Herren HuberVater und Sohn, von denen jener durch seineDecoupirkunst, dieser durch sein Thiermalen, vor-züglich, beyde aber auch als Landschafter, meistim Niederländischen Geschmacke sich ausgezeichnethaben. Ihr feines Kenneraug' gab ihm überManches ein ganz neues Licht, und durch denfreundschaftlichen Umgang, in dem sie mit ihm leb-ten, hatte er volle Freyheit, ihre Scaffirungenmit Menschen und Thieren zu studiren; zweenZweige, in denen er sich bisher wenig hervorge-than. Jtzt legte er seine wilde Manier immer mehrab; seine Landschaft ward ruhiger, harmonischer.Aber dieser Milde unbeschadet, wußte er in seineUmrisse eine Bestimmtheit zu bringen, die manwohl noch selten in Kreidenzeichnunge» sah. Kurz,er hatte es dahin gebracht, seine Kieide wie denPinsel zu führen, und seine Zeichnungen wurdenGemälde. In Genf war es zuerst, daß er sichauch in Aquarell und Gouache versuchte; und inbeyden mit Glück, so daß es schien, daß er zumalfür diese letztere Gattung vorzüglich geschaffen sey.So viel lag in diesem Mann, was seine angebo-rene Trägheit nur nie zum Vorschein kommen ließ.Seine letzten Arbeiten waren eine wilde Gegendaus der obern Schweiz , und eine andere mir Fel-sen aus dem Bisthume Basel , nebst einigen Eo-pien nach Huber dem Sohne. Seine ausgeführtlen Zeichnungen sind in verschiedenen Händen; dochbesitzt H. Burkhardt die mehresten; so wie einst desKünstlers Vater die Scizzen von Allem, was er in derMmmmmm m m m