Band 
Zweyter Theil [3].
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Gaben des jungen Raphaels, und Pietro, derfrühe Talente vorzüglich liebte, giebt ihm sein Ja-wort. Voll Freuden kehrt Johann nach Urbino zurück, und holt den fünf- bis sechzehnjährigenKnaben ab, den die zärtliche Mutter freylich nichtohne bittere Thränen entlassen kann. Schon aufden ersten Anblick wird Vanucci von dessen ange-nehmen Manieren eingenommen; und als derselbenun vollends ihm seine Zeichnungen vorlegt, fälltder scharfsichtige Pernginer von ihm ein Urtheil,das eine kurze Folgezeit gerechtfertigt, und dieganze Nachwelt bestätiget hat z.).

Die Fortschritte, die er unter seines neuen Leh-rers Leitung machte, waren so bedeutend, daß erdessen Behandlung und Geist bald vollkommen er-reichte, und Beyder Werke, als aus Einer Handhervorgegangen, erschienen. Zu seinen ersten öf-fentlichen Arbeiten in Oel zählt man zweye, dieer in seinem siebenzehnten zu Citta di Castello ge-malt: Eine Krönung des Einsiedlers St. Niecoloda Tolentino durch die Hand der H. Jungfrauund St. Augustins, in der Kirche dieses letzter»;und in St. Dominic ein Crucifix zwischen zweyEngeln, die das Blut des Gekreuzigten in Kelcheauffassen; dann ein drittes bey Herrn AnnibalMaggiori in St. Fermo (ein Silentium), woman auf dem Stock von St. Joseph wirklich dieBuchstaben: R. 8 . V. 7 V XVII. p. liefet. Alledrey zwar ganz Perugincsisch, doch so, daß Lanziin jedem derselben, theils in der Anordnung, theilsim Ausdrucke und der Schönheit der Köpfe, schon'einen höhern Charakter, als den seines Meistersfinden will. Noch viel mehr scheint dies der Fallmit zwey andern Bildern zu seyn, deren eins imKloster St. Francesco zu Perugia , die Himmel­ fahrt Mariä (unten die zwölf Apostel), das andre,im Kloster gleichen Namens zu Citta di Castello ,das Verlöbniß der H. Jungfrau darstellt 6 .). »Indiesem letztem" (sagt Lanzi)haben die beydenVerlobten eine Schönheit, welche Raphael in sei-nen späthern Werken nur selten höher trieb. DieH. Jungfrau zumal ist von himmlischer Grazie;eine Schaar der artigsten Jungfrauen, im zierlich-sten, abwechselndsten Hochzeitschmucke begleitet sie.Aber unter ihnen Allen glänzt, als Siegerin, dieHauptfigur, nicht mit fremder Zierde, sonderndurch ihre eigene; durch Adel, Schönheit undBescheidenheit. Alles an ihr reißt auf den erstenAnblick hin, und nöthigt zum Ausrufe: Weiche

schöne Seele! Was Göttliches herbergt in ihr!Eben so trestich ist das Begleit von Joseph gewähltund ausgeführt; da würde man die kalte Schön-heit, das mühesame Praktische, den engen Falten-wurf, u. s. s. von Vanncci vergebens suchen. Allesist freylich auch hier mit Fleiß gebildet, von einemFeuer belebt, das in Miene und Bewegung jederPerson neu ersichtlich wird. Dann, zum Staffageeine Landschaft, nicht von jenem dünnen Gesträuche,wie Pietro es in den seinigen mit wenig Pinsclstri-chen anzudeuten pflegte; sondern aus der Naturgeschöpft, wahr und vollendet. Und jener rundemit Säulen umzingelte Tempel,mit so viel Liebe"(heißt es bey vafan)ins Perspektiv gebracht,daß man mit Erstaunen bemerkt, wie gerne derKünstler die Schwierigkeiten suchte, um sich imUeberwinden derselben zu üben. Im Hintergründesind schöne Gruppen angebracht, wo sich Raphaelbereits als Meister in der damals noch neuen Kunstder Verkürzungen zeigt 7.).

Wie viele von den vorgenannten fünf ersten be-kannten öffentlichen Arbeiten von Raphael noch anihrer alten Stelle ersichtlich seyen, ist uns unbe-kannt; zuverläßig ist es wenigstens, daß sich dieHimmelfahrt Mariä aus Perugia in Paris befinde,eben so wie eine zweyte ähnliche Darstellung. DieseNotizz erhielten wir zuerst durch den: ^.Imariackn Lom iglo. 8.104. Seither aber fanden wirsolche vollkommen bestätigt durch das lVIanuel äuHlllLLk Lsh. IV. Hier erscheinen näm-

lich zwey einander dem ersten Anblicke nach fastganz gleiche Bilder, welche beyde die Himmelfahrtder H. Jungfrau, oder vielmehr die Krönung der-selben, nach ihrer Aufnahme in das Reich ihresgöttlichen Sohns darstellen. Das eine ist dasjenige,von welchem vasari spricht, für St. Francesco zuPerugia gefertigt (8^ r" hoch, 9/ n" breit).Dieses beschreibt erwähntes Manuel (I. c.Nro.7.), wie folgt:Raphael malte dasselbe inseinem Achtzehnten, als er sich noch in der Schuledeu Perugino befand; man erkennt darin noch dieManier des letztem; aber bereits sind viele Figurenin einer bessern ausgeführt; im Detail übertraf derSchüler schon seinen Meister, aber noch folgte erdiesem in der Zusammensetzung. Die zwölf Apo-stel rings um das Grab, aus welchem jetzt Blu-men entsprießen, sind gut gcreihet, und lassen nichtmehrcrn Raum zwischen sich, als nöthig ist, damitder Zuschauer sie alle sehen kann. Alle stehen gerade

5. ) Vasari , all' Obiges ausdrücklich! Dann Manches sehr schön ausgemalt (-Um. s. kom. Igio. 8 . z.)wie folgt:

»Dies war die erste Epoche in dem Leben Kaphaels! In dem stillen Varerhause das einzige Kind, vonallen jugendlichen Aerstreuungen'chntfernt, zu welchen das Leben mit mehrern Geschwistern so leicht führt,von liebenden Eltern allein und »»getheilt geliebt, von den Wiege an zur Kunst, und zwar zur religiösenKunst bestimmt, mußte sich in ihm eine Harmonie des Gemüths erzeugen, welche, mit dem Talent einereben so tiefe» als feurigen Anschauung verbunden, den Grund zu seiner nachmaligen Künstlergröße legte. DieStärke seiner geistigen Kraft, aus einer höchst glücklichen Organisation hervorgehnd, ward durch keine Jugend-kämpfe zum Gegendruck, folglich zu keiner Charakterstärke und Eigenheit gereiht. So wie sein Herz sich stetsliebend ausschließen konnte, indem ihm nichts widerstrebte, so entwickelte sich auch, mit der Welt so wie mitsich selbst zufrieden, sein Verstand. Daher erwachte schon früh in ihm das Gefühl wie der Begriff der voll-kommensten Harmonie, oder der höchsten irdischen Schönheit, und seine Folgsamkeit in der Annahme desBessern, das Hingeben seines ganzen Wesens an die Führer in seiner Kunst, ward keine Sklavarey."

6. ) Vasari u. a. nennen die Himmelfahrt zu Perugia vollends als sein erstes öffentliches Werk, das er (nachEinigen) schon in seinem Fünf- bis Sechszehnren gemalt haben soll, was aber Canzi, wegen dessen Vorzüg-lichkeit vor jenen drey zuerst genannten, bezweifeln will.

7. ) »Ich bin" (sagt öanzi am Schlüsse seiner Beschreibung dieser und ein Paar anderer der oberwähnten frü-hesten Werke von Kaphael) »darum ausführlicher über dieselben, als bisher kein anderer Schriftsteller ge-wesen, damit der Leser daraus die Seltenheit dieses Genie, ohne Gleiches, erkennen möge. An dem, waser in spätern Jahren vollbracht, haben in gewissem Sinne auch andre Künstler, deren Werke er sah, ihrenAntheil; aber seinen Flug in dieser ersten Zeit hatte er einzig der innern Kraft seiner Fittiche zu danken.Sein liebendes, freundliches, und zugleich edles, erhabenes Naturell führte ihn zum Jdealschönen, zur Grazie,und zum Ausdrucke, diesem hauptsächlich philosophischen und schwierigsten Theile der Malerev. Wunder indieser Gattung zu thun, dazu reicht weder Fleiß noch Kunst hin. Ein natürlicher Geschmack für die Auswahldes Schönen, das Verstandesvermögen, aus vielen Pattikularschönheiten sich das Bild einer vollkommenen znentwerfen; ein lebhaftes Gefühl, das, schnell, wie ein Feuer, den augenblicklichen Ausdruck einer Leidenschaftergreift, und die Leichtigkeit eines äußerst folgsamen Pinsels, um das Erfaßte eben so schnell darzustellendieses waren beyKnphael Kunstmirtel, welche einzig die Natur ihm ertheilen konnte, und die sie schon inseinen frühesten Jahren fv reichlich über ihn ausgeschüttet hatte."

Von jenem Sposalizio heißt es noch anderwärts: »Die Zeichnung in diesem Bilde ist weit runder undvoller, als in allen seinen vorhergehenden Arbeiten, und der Eindruck, den das Ganze macht, so angenehm,daß es an leisem Gefühl des Sanften und Lieblichen im sogenannten Styl des Perugino nichts zu wünschenübrig läßt. Die Freyheit, die er darin zeigte, beweist, daß er die Selbstständigkeit seines Geistes sich immer(schon frühe) zu erhalten gewußt." /Um. a. kom rg>o. 8. ioz - 6.