Diese Arbeit Raphaeis war es, welche Sr.Heiligkeit — die bekanntlich in allen Dingen un-gemein rasch zu empfinden gewohnt waren — soausnehmend gefiel, daß er bald alle übrigen Fres-coarbeiten allerer und gleichzeitiger Künstler in er-wähnter Stanze niederreißen 45) ließ, und, aufRaphaels Ersuchen, nur noch etwas von Grotes-ken, und vier runde Einfassungen an der Decke, vonSodoma aus Vercelli , übrig blieb 46), in welcheder Unsrige nunmehr die lebensgroßen allegorischenFiguren der Theologie, Philosophie, Gerechtigkeitund Dichtkunst (als Andeutungen der Hauplgcgen-ffände an den vier Seitenmänden) Hineinmaltc47).Auch in den vier Ecken des Plafonds finden sichnoch vier, wieder aus die Hauptvorstcllungcn zielendekleine viereckiger Bilder: Adams Fall; die Stern-kunde; Apoll und Marsyas , und Salomo's Ur-theil 48). Ganz vorzügliche Bemerkungen dieseNebenbilder in der Stanze dclla Segnatura betref-fend (welche sonst über den vier Hauptbildern der-selben weit minder beachtet werden) finden sich inden Propyläen I. (1.) 110 — 15. Dort wirdvordcrst geglaubt, die erster» seyen vor den letzter«,vor allen andern aber das Bild der Gerechtigkeitgefertigt worden; und hiefür, so wie für alle übrigeUrtheile in Lob und Tadel werden die bündigstenGründe angegeben. Das Bild der Poesie ziehtder Verfasser allen übrigen vor; ihr vortrefflicherKopf gehöre zu den gemüthlichsten und anziehend-sten , welche Raphaels Pinsel hervorgebracht.Unter den viereekigten soll das Urtheil SalvmonsLas vorzüglichste, die Strafe des Marspas das
geringste seyn. In allen zwar bemerke man durch-aus den schönen Geist, ein zartes Gefühl, undmeist feine richtige Gedanken, denen aber noch nichtalle Vortheile durch Kunstbehandlnng abgewonnensind.; kurz einen fähigen großen Künstler, abernoch nicht den vollendenten. Sein Geschmack schwanktnoch; er ordnet nicht immer untadelhaft, ist nichtimmer gewandt und zierlich genug; die Linienbegegnen sich öfter auf eine unangenehme Weife;die Massen überhaupt sind weder groß noch wirk-sam genug, das Colorit zu grell, in den Schattenbraunrvth, die Mitteltinten fallen ins Grüne, undgränzen an rothe Flecken, welche an allen Stel-len, wo der Halbschatten zum Licht übergeht, an-gebracht sind; endlich erscheinen die Lichtparthienselbst etwas zu weiß und abstechend."
Die dritte Wand der Stanza, welche nun wohlzuverlaßig späther als die eben genannten Decken-stücke gefertigt worden, nehmen (über den Fenstern)die Bilder der Klugheit, Mäßigung und Stärkeein; bann, unter denselben (neben den Fenstern)zur Linken Kaiser Justinian, der das Römische Rechtdem Trebonian übergiebt, der dasselbe (wie Lenz,bemerkt) mit einer Miene der Unterrhänigkcit an-nimmt, welche jeder andre Pinsel zu malen nurausgeben mag; zur Rechten hinwieder Gregor IX. der Ebendasselbe mit dem Pabstlichen Dekretaliengegen einen Consistorial - Advokaten thut. Unterdiesen zwey letztgenannten Darstellungen noch einPaar andre in den Hauptgegenstand einschlagendeBilder: Eine bewaffnete Figur, die (nach BeUon)anzeige» soll, daß Kaiserliche Maj. nicht bloß mit
theck zu Mailand . Gegenwärtig sucht man ihn zu Paris . Gestochen ist solches, in ältern Tagen: Vörderstder erste Entwurf desselben» mit vielen Abänderungen gegen dem Hauptbilde, und mit weil weniger Figuren, ineinem kleinen, aber herrlichen äusserst seltenen Blatte, höchst wahrscheinlich von Marc Anton, doch ohne seine»Namen, mit einem Monogramm, das Heinecke (l>. 46-.) giebt, und dabey bemerkt: „Wenn Raphaekjemals gestochen härte, so. wollte ich sagen, es sey von ihm " In einer Nische liest man die Jnnschrifr: 0 .ix»»!», „nd (nach Heinecke >. c.) „och eine andre, wovon aber nur das Wort: Veuv noch leserlich ist. ImHintergründe findet sich eine Karte, worauf des Chaos vorgestellt wird. Die Personen sind ganz anders ge-ordnet, als in dem Hauptbilde, und in geringerer Zahl. Jenes Monogramm steht an dem Schemmel, woraufeiner der Philosophen sitzt. Im Umrisse nachgebildet findet sich dieses Blatt dev llandon Nro. 355. Danngab A. Veneziano (>554 ) aus dem Bilde des Batikans eine Gruppe von sechs Figuren, unter welchen erden Pytbagoras in den Evangelisten Matthäus , und die Figur, die mir einer Tafel kniet, in einen Engel ver-wandelt hat; daher vielleicht (meint Heinecke t. c. 46z.) man das Ganze etwa auch: Den mit den Philoso-phen zu Athen disputirenden St. Paul getauft habe. Das Ganze hierauf gab (wie Füsili sagt: « mit vielKunstgefühl und einer freyen, leichten Behandlungsart") zuerst G. Mantuan >55». i» einem 2^ 6" breiten,und 5" 2<" hohen Blatte; dann Ph. Thomaffin 16-7. (nicht ,677. wie Heinecke sagt), wo jetzt Plato undAristoteles in zwey Apostel mit Glorien verwandelt sind, und L. Cossin. Weiter in den: kicwris Uapliaoli;F. Aqnila, und in neuern Tagen wieder Volpato; «ein" (sagt Füßli ) «in mancher Rücksicht vorzüglichschönes Blatt, wo einige jener individuellen Schönheiten, die wir in Mantuano's Stiche vermissen, mit vielerSorgfalt und Geschmack ausgeführt sind." Noch finden sich, neben dem zuerst genannten Blakte von M. An-ton, noch zwey andere, ebenfalls »ach Studien für dieses Bild: Das eine von 20. Figuren (in einerNische die Statue eines Philosophen) von einem Unbekannten; das zweyte (kleinere), wv im Vorgrundezwey (sehr schöne) weibliche Figuren in ein astronomisches Heft gucken, von M. Ravignano (was Heinecke.nicht kennt). Beyde sind im Umrisse nachgebildet bey Eandon Nro. 554. und 405.
45) buttare a tsrra. Vasavt.
46) Nach Fiorillo wäre es denn doch noch eine Arbeit von P. Perugino gewesen, welche auf Kaphnels be-sonderes Verlangen stehen blieb, der dadurch einen Beweis seiner Hochachtung für seinen vormalige» Lehrergegeben habe.
47 ) Bottari kennt, nach diesen vier Bildern, so viele kleine gute Blätter von M. Anton , oder von einem
seiner bessern Schüler, und vier andere größere, aber schwächere, von einem Ungenannten; Heinecke 11.346. meint, von Bocquet. Späterhin gab solche (Emidon zufolge, bey welchem sie, unter Nro. 68 — 7 ».auch im Umrisse nachgebildet sind) B. Audran, und vollends neuern Tagen N. Morghen (noch unter Vol-pato's Leitung); diese 15" hoch und -4" breit, nach der Zeichnung von Nocchi. Von der Theologie (Vlvin-rv.rsrum cognitio) kennen wir kein besonderes Blatt. Von der Philosopbie (< 7 »rn.arum cogintio) welche beyHeinecke 11.495 — 96. und bey Minkler Nro. 3960—63. als Vorsehung und ?voviäe,ice rubrizier ist,
zwey alte Blätter, die aber nicht nach dem Gemälde, sondern nach einer Zeichnung gefertigt seyn sollen; das
eine von M. Anton oder A. Venetiano, mit V. 71 . bezeichnet, und sehr gut; das zweyte von E. Vicus, und
dessen würdig; noch ein drittes von L. Suavius. Dann nach dem Gemälde zwev, von R. Wibert 1635. und
von N. Bocquet 1691. Aber sonderbar, alle mit der Bemerkung, daß die Figur den Fuß auf eine Weltkugelsetze, die auf dem Urbilde nicht erscheint. Die Rechtskunde dann (nickt mit derjenigen zu verwechseln, diesich auf einen Strauß lehnt) gab, unsers Wissens, einzeln, einzig C. Simonncau der Aeltere. Die Poesieendlich (dlumink! asslatur) ein Ungegannter mit der Chiffer lt. (vielleicht liavignan») und der Jahrszahl,542. und Iul. Bonasone klein.
48) Gestochen wahrscheinlich ist Adam's Fall in einem Blatte von R. Wvbert (-635.), N. Bocanet (krama-169-.) und ganz klein in Form eines Altarblattes von Tardieu (Heinecke ll. 37 -- und winkler Nro. 355 -.).Eine Sternkunde finden wir nirgends, als in der Folge der sieben freven Künste, deren Zeichnung (noch un-sicher) gewöhnlich Knphael zugeschrieben wird, und von einem alten Meister - 54 s- mit dem Monogramm8. bezeichnet (Heinecke II. 498. glaubt, von Veatrizet) in kleinen Octavblättern gestochen worden. Ob dieseDarstellung aber wirklich die unsrige sey, ist uns unbekannt. — Apoll's Sieg über Marsyas dann wieder vondiesem 8. sehr gut, und reinlich aufgestochen von Ph. Tbomaffin. Ferner wieder von N. Wybert (-635.)und von Bocquet (1690.) — Und endlich Salomo's Urtheil wieder von Woberk (163-;.), von P. Scalberge(1637.) uud Bocquet (>690.). Noch nennt Heinecke II. 383 . (und bcrutt sich irrig auf Vnsnri) einesvon einem alten Meister. Bsttari hingegen will überhaupt von diesen vier Bildern keine Sticke kennen,die (sagt er) es Loch so wohl verdienten.