den entferntem Gegenständen, wo der Schiffstreitvorgeht. Im Ganzen aber hat die Cvmposition nichtdas Gefällige, Ueberzeugende, Treffende an sich,wie so viele andere Arbeiten des Meisters. Dienächsten Gegenstände, der Papst aus dem Thronesitzend und betend, und die Gefangenen, welchevor ihn gebracht werden, interestiren weniger alsder Streit in der Ferne. Man mag gerne ohneGefahr eine Schlacht mitmachen; bey der Nach-hut oder beym Gepäcke unter diesen Umstanden mü-ßig zu sitzen, ist verdrießlich und langweilig. Eskann seyn, daß Raphael hierin nach Vorschrifthandeln mußte, was aber allenfalls nur eine Ent-schuldigung für ihn, nicht für sein Bild ist. Lichtund Schatten sind, nach seiner gewöhnlichen Art,in einzelnen guten Masten gehalten, aber überallzerstreut; keine Hauptmasse halt triumphirend dasAug fest, und alle Figuren des Vordertheils wer-ben beynahe gleich beleuchtet. Die wenigen Faltensind groß und breit, doch nicht von auserlesenemGeschmacke."
Unter den so eben beschriebenen vier Hauptbil-dcrn dieser Stanze sind, als Therme, die Drchen-beschutzcr und Vergaber, alle in gelb Helldunkelgemalt. Auch diese waren ihrem Verderben nahe,als solche von Carl Maratti, in der That meister-haft ritoccirt wurden. Der Plafond war schonfrüher von perugmo gefertigt, und Raphael ließ,hn, aus Achtung für seinen Meister, unberührt 106).
Die Gallerten im Vatikan , welche die ItalienerLoggien zu nennen pflegen, und deren Bestimmungwar, die einzelnen Theile dieses ungeheuern Ge-bäudes unter einander zu verbinden, waren ronBramante (st. iZcch) unvollendet gelassen worden;und da Raphael schon früherhin mehrere trefflicheProben auch in diesem Kunstzweige gegeben hatte,so trug ihm jetzt der H. Vater auf, sie vollendsaufzubauen. Hicfär arbeitete er ein Modell aus,durch welches Bramante's Entwurf merklich ver-bessert, das Ganze in einen schönern Zusammen-hang gebracht, und geschmackvoll verziert wurde.Der Papst war über diese Arbeit hoch erfreut; undweil er wünschte, daß der innere Schmuck auchdieses Theils des Pallastes seiner äußern Prachtentsprechen sollte, so ersuchte er den Künstler, fürdie Loggien auch die Zeichnungen zu der Malercysowohl, als zu dem Schnitzwerk und der Stuccv-Arbeit zu verfertigen. Hier fand er also Gelegen-heit, seine Bekanntschaft mit den Alterthümern,
und namentlich seine Gcschicklichkeit in Nachahmungder Arabesken und allerhand grotesker Verzierungenzu beweisen, die man eben damals in Italien auf-zufinden angefangen hatte, und.die er sich von allenSeiten her mit namhaften Koste» zu verschaffensuchte. Sogar weißt man, daß dieser großherzigeKünstler mehrere Maler selbst nach Griechenland und der Türkey sandte, um ihre Zeichnungen vondergleichen und andern merkwürdige» Alterthümernnach Haus zu bringen 107). Die Aussicht über jeneVerzierungen nun trng er besonders zweyen seinerSchüler, Julio Rvmano und Johann von Udineauf, dem erstem über die Ausfertigung historischerBilder, dem zweyten über Skucco Ä.beit und Ara-besken, in welcher Gattung xetztrer alle Künstlerseiner Zeit übertraf. Aber auch andre, die sich her-vorthaten, wurden von ihm zu diesen Arbeiten an-gestellt, wie z. B. Joh. Franz Pcnni, Barth. daBagnacavallo , Pierin del Vaga , Pellegr. da Mo-dcna, Vmc. da St. Gcmignano, u. a. 108).
In jeder der dreyzehn kleinen Kupolen der Deckejener langen Gallerte, welche zu den Stanzen geht,befinden sich bekannrlich vier biblijche Geschichten(also zusammen 52.), alle, bis auf dreye 109), deSAlten Testaments , sämtlich von ihm gezeichnet,aber nur 4. in der ersten dieser Kupolen, weichedie Schöpfungsgeschichte darstellen, von ihm selbstausgeführt. Die übrigen 48. haben Inl Rvmano,Pierin del Vaga , u. a. der oben erwähnten Schü-ler von Raphael gefertigt n°). Zu Ricbard-se»i's Zeiten waren diese Loggiengemälde »och sehrwohl erhalten; und bemerkter, da solche in vol-lem Lichte stehen, hätten sie ein weit froheres undangenehmeres Aussetzn, als die Hauptwerke in denStanzen. Dagegen fand Lanzi in neuern Tagen,daß solche, wegen ihrer Wind und Wetter ausge-setzten Stelle, fast im Freyen, bereits zu ermattenbeginnen. »Aber ja": ruft er aus: ,-Wer dasGlück hatte, sie in jenen frühern Jahren zu erbli-cken, wo der Glanz der Farben, der Schimmerdes Goldes, die blendende Meiste der Etucco'sund die neuen Marmorcinfqssungen, denselben injeder Rücksicht eine» so blendenden Reitz verliehen,mußte, erstaunt, sich wie mitten im Paradiese fin-den"; und vasari spricht wohl in wenig Wortendie Wahrheit: „Schöneres lasse sich weder ferti-gen noch denken m)". Auch der Verfasser deSAufsatzes über Raphael im : rvrrmriLckl a. Korn»i8io. 8. irz. findet: Daß ein, selbst in dem Me-
106) Gestochen kennen wir von den drev letztgenannten Bildern, aus ältern Tagen einzig den Sieg über die Sa-razenen, ein großes Blatt von A. Veneziano (ohne Zeichen); bann (wahrscheinlich eine geetzre Copie dessel-ben) von N. Mvrani und und L. Dorigny 167Z. Noch ein drittes kleineres Blair von A. Veneziano; eben-falls geetzt, mit ?. exc. bezeichnet, von G. Audran (ohne dessen Namen). Dann aber alle dreye in denrictur>8 elc. von Aquila Nro. 16. ,8. u 19. und im Umrisse bey lkandoi, Nro. 507. Z5l. u. 410. Vonjenen Kirchenbefchützern und Vergabern, unten an den Hauptbildern dieser Stanze, sind uns keine Stichebekannt.
107) Vasari . Roscoe Gesch. Leo x. II. 4-6—7. Letzterer besaß ein (unsers Wissens) sonst nirgends erwähn-tes Blatt, nach Raphaels Zeichnung, von A.Veneziano (doch ohne dessen Namen), welches das Fußgestelleiner Säule, mit zwey weiblichen Figuren in Basrelief u. s. f. darstellte, und zur Unterschrift trug: Ha-
rameato ä. In Loloiiua 6. LoNLtautinoxolo manllato a /ka/aete ä'k/rLr»o.
108) In einer Note zu vnsari (Ausg. v. Siena V. 297.) erzählt eiu gewisser F. G. D., daß er in >79l. zuVenedig , im Pallaste Grimani, bey St. Maria Formosa, Stiegen, und Freskogemälde gesehen, welche nichtunwahrscheinlich nach Raphael « Zeichnung gefertigt, und letzt» etwa Johanns von Udine Arbeit seyn mochten.
rog) Geburt, Taufe und Abendmal.
ilo) In jenen vieren von Raphael« eigener Hand, wird von Richards»» Ili. 47z. eine Eva besonders (aufeine, diesem Schriftsteller eigene An) seltsam genug gepriesen, wie folgt: „Diese Figur ist iu der Thataußerordentlich schon; ihr Umriß soll keiner antiken weichen, und zugleich hält man sie für eine der beßtge-matten Figuren in Rom ; doch haben sehr geschickte Kenner finden wollen, daß eben der Umriß — nicht weiblichsey". Uebrigens glaubt Vasari (im Leben des von Gimiguano und des T. von Urbino ) noch in weit meh-ret» dieser Bilder, wo nicht Sanzio's Hand, doch dessen Geist ganz vorzüglich zu erblicken. So z. B.in demjenigen, wo der Schöpfer mit seinen Füßen das Chaos trennt, und mit den Händen die Sterne wiegt;in der Vertreibung aus dem Paradiese, in der Sündfluth, in Abrahams Anbetung, in guei äus »Ke sldarin»», und in der Auslegung von Pharavns Traum. In andern dann, besonders in den Gegenständenaus dem neuen Testamente, wie r. B. in der Anbetung des Kindes, w ll Vasari etwas Correggisches undAusgearbeitetes finde», was nachwärrs von den Zucchcri nur zu weil getrieben wurde.
m) ss.ä. ierr. I. 65—66. Dieser Künstler kannte neuere Kopien der Loggien, welche die Kaiserin Ka-tharina in Rom , unter Leiiung des deutschen Unterbergers verfertigen ließ; und schloß aus der Wirkung,welche dieselben auf ihn machte«, auf jene, welche einst die Urbilder iu ihrer Jugeudschönheit errege» mußten.