Band 
Zweyter Theil [3].
Seite
21
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«,id aus die eben so weise als nngesucht scheinendeContraste der mannigfaltig handelnden Figuren undihre Grnppirulig, wahre Meisterstücke der Kunst".Noch bedeutender ist das Urtheil, das sich in denPropyläen I. (2.) 9193. über dieses Bild findet:Hier" (heißt es)sind alle Gegenstände wichtig,anziehend; Alles lebt und bewegt sich. Der Zu-schauer wird ergriffen, theilt die Noth, leidet mit,und mochte helfen. Man vergißt beynahe überden dargestellten Dingen die Art, wie sie vorgestelltsind. Es ist ein gemaltes vollkommenes Gedicht,aber kein vollkommenes Gemälde. Der Styl istgroß, und im Durchschnitte größer und gewaltigerals in keinem andern von Raphaels Werken imVatikan ; die Behandlung leicht und sogar ein we-nig flüchtig. Die Zeichnung, so wie die Forme»,sind im Ganzen gut und schon, aber in den Thei-len findet sich nicht mehr die Sorgfalt, Richtig-keit und Fleiß, wie bey den frühern Bildern be-merkt worden. Hingegen kann die Anordnung desGanzen nicht minder als der Theile durchaus fürmusterhaft, und die große Hauptgrnppe in derMitte als ein Meisterstück gelten. Der Ausdruckist sehr stark, voll Seele, doch nicht so stark undnatürlich wie in der Dispnta, und nicht fo seinwie in der Schule von Athen, sondern das Ganzenähert sich, seiner Art und Style nach, mehr demHeliodvr oder dem Attila , kommt ihnen aber imKolorit und Uebereinstimmung der Farben nichtgleich, und mag auch wohl nie große Verdienste indiesen Kunstthcilen gehabt haben. Wenn man an-nimmt, daß der Vorfall bey Nachtzeit geschieht,und daß entweder Feuer oder Mondschein, oderbeydes, die Ursache der Beleuchtung seyn soll, soist der Effekt davon keineswegs natürlich gerathen.Man könnte vermuthen, daß Dämmerung darinbedeutet wäre; allein die Figuren werfen Schlag-schatten auf die Erde, und doch ist dem Licht desFeuers keine -Wirkung zugestanden worden. Uebri-gens sind die Massen von Licht und Schatte» großund breit, auch kräftig genug und heben die Ge-genstände vortrefflich. Mit alle dem ist wahrschein-lich, daß dieses Bild nicht durchaus von Xaphaelseigener Hand gemalt ist; es fehlt nicht nur die Ue-bereinstimmung, sondern der Jüngling z. B., wel-cher den Alten trägt, der Knabe welcher nebenhergeht, der Mann welcher sich von dem brennendenGebäude herunterläßt, 11. a. Figuren mehr, habenein schmutziges, graueres Colorit als sonst die ächtenArbeiten unsers Meisters in Fresko zu haben pfle-gen. Hingegen ist das blaugckleidete Mädchen,welches den löschenden Männern Wasser reicht, sichumwendet, und der Frau, die Wasser bringt, zu-ruft, hell nnd blühend gemalt; und eben so zeich-net sich auch die genannte Frau, die wegen ihresherrlichen, von, Sturm bewegten Gewandes sehrberühmt ist, durch ein warmes kräftiges Coloritbesonders aus 101)".

Die übrigen drey Bilder dieser Stanze habendie Krönung Carls des Großen ior) durch Leo III. und die Rechtfertigung 103) dieses Papstes überdie bey Carl gegen ihn erhobene Anklage, und end-

lich St. Leo's (IV.) Sieg über die Sarazenen imHasen von Ostia , zum Gegenstand. Lauter An-spielungen auf die Regierung Leo X. der bey derVerewigung des Gedächtnisses seiner berühmtenVorfahren eigentlich die Absicht hatte, seiner eige-nen Geschichte ein Denkmal zu stiften. Auch findensich in dem erstcrn und letzten, dieser Bilder, stattder Köpfe Leo III. u. IV. derjenige des regierendenKirchenvberhaupts, und in dem erstem freylich dervon Franz I. ebenfalls angebracht 104). Vonallen dreyen nimmt man, wohl nicht ohne Grund,an, daß Raphael's Schüler an denselben bereitsnamhaften Antheil gehabt.. Und vollends vonder dritten Stanze bemerkt schon Bellor» (1695.),um wie vielmehr seither Borrari, daß solche, star-ker als die übrigen, theils durch die Zeit, theilsdurch Vernachlässigung gelitten, vielleicht bald (undam End auch die übrigen Werke Sanzio'e jm Va-tikan) vollends zugrundgehen würden 105).

Beschreibungen dieser drey letztgenannten Bilder,und allerley sonderbare Bemerkungen darüber findensich bey Ri'chardscm l. c. p. 400405. ».40812.,das treffendste Urtheil indessen abermals in den Pro-pyläen I. (2.) 9091. u. 9495- H>er lesenwir über die Krönung Carls des Großen.DiesesBild soll, nach Raphaels Zeichnung, von Jul.Rvmano ausgeführt seyn. Es ist mit vielem Fleißund Sorgfalt behandelt, hat ein zwar schmutzigesund trocknes, dabey aber kräftiges Colorir, undviele geistreiche, treffiche Kopfe. Die Erfindungund Anordnung muß man im Ganzen loben, obsie gleich nicht die angenehmste ist; denn bey einersolchen Menge gleichgekleidetcr Figuren, die alleder Ceremonie zusehen, war es in der That keineleichte Sache, die Einförmigkeit zu vermeiden;der gewandte Künstler hat aber mit verschiedenenkleinen, wohlersonncnen Motiven diesem Uebel zumTheil abzuhelfen gewußt. Daß der Gegenstand je-doch dürftig, und für malerische Darstellung unbe-quem war, zeigt die beygebrachte Episode vonMännern, welche eine Bank und Gesasse hineintra-gen, nur allzudeutlich". Dann über den Rccht-fcrtigungsschwur Leo III. Auch dieses Bild sollbloß für die Zeichnung Raphael zuqehöre». DieErfindung desselben ist einfacher, gefälliger, undmehr in seiner gewöhnlichen Manier, als die deSvorgenannten, so wie auch Jul. Rvmano in derAusführung hier glücklicher gewesen, und sich mitmehr Musterhaftigkeit benommen hat. Nur Schade,daß dieses Werk, weil es über dem Fenster steht,und bloß vom Reflexe beleuchtet wird, wenig ge-nossen werben kann". Endlich über die Landungvon Ostia :Dieses Bild hat viel gelitten, undist an verschiedenen Stellen blaß und undeutlichgeworden; man erkennt aber Raphaels eigeneHand durchgehends an dem blühenden Coloritund an der Behandlung, die nicht nur kühn undleicht, sondern hier auch, in Vergleich mit seinenfrühern Werken, etwas nachlässig ist. Es enthältübrigens geistreiche Köpfe, einen großen Styl imGanzen, edle Formen in einzelnen Theilen, undeinen Reichthum schöner Gedanken, besonders in

101) Gestochen baben den Bnrgbrand zu Rom in altern Tagen, ein ungenannter Meister, nach der Zeichnungvon Jul. Rvmano in Salamanca's Verlag 1545. Später (16,0.) Ph. Thomassin, gut. Dann Aquila: Inkicturis Xro. 17. Und endlich in neuern Tagen (wie Füßlt sagt), zierlich und geschmackvoll, Vvlpato, nachNocchi's Ae'chnung, und in bloßen Umrissen Ünndon Nro. 5». Ferner einzelne Gruppen und Figuren ausdiesem Bilde: I. P. Melchior!, A. Procaccini (dieser die Frau mit den zwey Krägen, und den Sohn, derden Vater aus den Flammen trägt); I. I. Sandrart (- 68 -.) ebenfalls dies letztre Grupp.

102) Nicht Franz l. durch Leo X. wie vasarr (unbegreiflich genug), sagt.

»oz) Bey Carl, nicht bey Franz I -, wie es ebenfalls dort heißt.

>°z) Richardson III. 404. spricht nur von untergeordneten Personen aus dem Zeitalter dieses Monarchen,deren Bildnisse bey der Darstellung der Rechtfertigung Leo III. angebracht seyen; vnsnri, neben Anderm,von demjenigen des Kardinals Gianozzo Pandolfini, Bischofes von Troja, eines der vornehmsten Gönnervon Raphnel, der (wie Bottari hinzufügt) zu dessen Pallaste in Florenz die Zeichnung gegeben; dann desnachherigen Kardinals Hypolirhus von Medici in der Figur des knieenden Pagen, der des Königes Krone hält.

>05) Zu den Mitreln dieser Zerstörung zählen wir auch, die den Französischen u. a. Künstlern in Rom , mneuern (doch nicht den neuesten) Lagen vergönnte abscheuliche Freyheit des sogenannten Calquirenö.

Aich. zmn VII. Hefe. 6