Band 
Zweyter Theil [3].
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ihm oft mehr, als sich'- gebührte, zu Wille» wur-den 12?)". Neben obigen Bildnissen, nennt Bot-ran dann, von männlichen noch dasjenige des Ar-chidiakonris Carondolet, das in die Hand des Her-zogs von Graston nach England kam 128); vonweiblichen jenes der Königin Johanna von Arra-gon, welches der Kardinal von Mcdicis ihrer ho-hen Schönheit wegen malen ließ, und den großenLiebhaber schöner Frauen, Franz I. damit be-schenkte; daher sich solches schon von Alters herim Französischen Museum befindet. Dasselbe haltZ, 8 " in die Höhe und 3/ in die Breite, und ge-hört in dieser Gattung zu dem Dortreflichsten un-sers Künstlers. Sie ist sitzend vorgestellt, mitbeyden Handen; die rechte berührt ihren Hals-schmuck von Pelz, die linke ruht auf ihrem Kniee.Kopsputz und Kleidung (diese von rothem Sammt),Alles im Costume ihres Lands und ihrer Zeit,könnten weder sonderbarer noch geschmackloser seyn.Die Haare der wunderschönen Königin fallen gleichden Ohren einer Wachtelhündin auf ihre Schultern;ihre Rockärmel haben einen weit starker» Durch-messer, als ihre zarten Hüften; denn bekanntlichblieb Raphael, in seinen Bildnissen, der Natur,ganz wie er sie vor sich fand, unveränderlich ge-treu. Dann aber sehe man alle Umrisse und alleZüge dieses Kopses von einer Reinheit, die unsan seine heiligsten Jungfrauen erinnert; die großensammtschwarzen Augen, welche alles Licht südlicherSonne empfangen haben, und wieder zurückstralen,die hohen scharfgescbnittencn Bogen über densel-ben, die zart zugespitzte Nase, den sprechendenMund, das seine, ins Oval gerundete Kinn,den schlanken Hals, der so leicht auf dem herrli-chen Nacken ruht — nur ein solcher Meister konntesolche Contraste des seltsamsten Conventionellen mitder einfachsten Natur, ohne Anstoß einigen. —Man hat behaupten wollen, daß Raphael diesenKopf bloß angefangen, und Julius Pipi den-selben vollendet habe. Aechte Kenner können die-sem Urtheil nimmermehr beystimmen; eher demje-nigen, welches einen Theil der Arbeit in den Ne-bensachen seinem großen Schüler zuschreiben will 12Y).Von diesem Bilde kennt man mehrere trefflicheKopien, welche in Welschlanb davon gefertigt wur-de», ehe es nach Frankreich kam. Eine derselbenbesaß H. Wocher in Basel , und sah man von sei-ner eigenen kunstreichen Hand eine solche in Mi-niatur gemalt, die zu den kostbarsten Juwelendieser Gattung gehöret 130).

Was Raphaels angemessene Liebe zum Ge-schlecht auf seine Arbeitslust bisweilen für Ein-fluß hatte, davon führt vasari, gleich nach deroben angeführten Stelle ein Beyspiel an, und sagtuns: «Daher malte er so langsam an der Loggiaseines Freundes Chigi, so daß dieser, durch man-cherley eigene und fremde Unterhandlung, endlich,

doch mit genauer Noth, es dahin brachte, daßdie Frau, die der Künstler damals liebte 131) sichzuletzt bequemte, in einem der Zimmer, wo er ar-beitete, ihre ordentliche Wohnung aufzuschlagen;und nur so kam endlich das Werk zu Stande."«Auch" (fährt dann eine Anmerkung in der Aus-gabe von Siena fort)" klagte Raphael mehrmalsseinem Castiglione: Daß die neuern Staaten nichtso, wie die alten, dem Künstler alle Blüthen ih-rer Schönheiten vor Augen stellen, um aus ihremAnschau'n sich das Ideal für ihre Götter zu bilden".„Aber" (fügt der lose Vogel hinzu) »warumsieht man denn, mit Bedauern (?), in seinerMadonna della Sedia, und in mehr als EinerFigur des Göttermals, immer seine geliebte Be-ckerinn wieder t"

Wir haben nämlich oben gesehn, daß vasari(ob mit Grund oder aus Versehn, ist uns unbe-kannt), den Triumph der Galathea, welches einesder Bilder der Loggia Ghigi (Farnesina) in ei-nem eigenen Zimmer ausmacht, in eine namhaftfrühere Epoche, nämlich zwischen die Fertigung derersten und das Beginnen der zweyten VatikanischenStanze setzt. Dagegen kömmt er mit allen übri-gen Nachrichten überein, welche, wo nicht dasEntstehen, doch die Vollendung der Gallerie vonKlein-Farnese dem spathern Zeitpunkte zueignen,von welchem jetzt die Rede ist. Wohl drückt sichhierüber Roscoe 132) am richtigsten aus: «InMußestunden, welche Raphael seine Arbeiten fürLeo X. zuließen, kehrte er in das Haus seinesFreundes Chigi zurück, und malte dort" (einenzweyten Grund, warum langsam, haben wir jagleich oben vernommen!)«»die bekannte Gallerie."

Einen Excurs, nach neuester deutscher Art undKunst, macht hier Sanzio's oft angeführter geist-reicher Biograph 133), wesentlich wie folgt: »Bis-hieher haben wir Raphael immer noch als Reli-gionsdichter betrachtet, in welchem Felde sein Ruhmohne Zweifel am höchsten steht. So wie Phidias in seinem Zeus und in seiner Athene, Polycletusin seiner Hexe oder Juno, Praxiteles in seinerAphrodite und Eros, die vollendetsten Ideale dergriechischen mythologischen Kunst darstellten, aufdieselbe Weise wurden die Hauptideale der christli-chen Kunst, Christus als Kind und als Mann, dieApostel, die Patriarchen mit ihrer kindlich - einfäl-tigen Nomadcnwelt, hebräische Gesetzgeber, Pro-pheten und Könige, christliche weibliche Heilige,vor allen andern besonders die Jungfrau Maria,als Königin des Himmels wie als Gottesmutterin den erhabensten und lieblichsten Gestalten gebil-det, zu denen die christliche bildende Kunst sich jezu erheben vermochte. In diesen seinen Gestaltenallein spiegelt sich der eigenthümliche, mystisch-ruhige, schöne Sinn des neuen Glaubens, durch-aus verschieden von der mehr sinnlich verständigen

,27) Ein Beyspiel folgt gleich unten. Dottari dann macht allerley »»nöthige Luftsprünge, um unsern Künstlervon den Beschuldigungen des frommen Vasari rein zu waschen, und nachdem er in einer Anmerkung zuobiger Stelle erzählt, daß Raphael sich seiner schönen Beckerin als Modell bedient habe, seht er — keinMensch merkt anfangs, wie dies angeflogen kömmt — gleich hinzu: »Es war aber Raphael ein Mann vongrößter Höflichkeit und den beßten Manieren, gesittet, und äusserst ehrbar im Reden und Thun ; daher sichauch in seinen Werken (gegen die Gewohnheit anderer Künstler seiner Zeit) nicht das geringste Unanständigefindet". »Aber" (erst jetzt ersieht man das Ziel) ^aus großer Begierde, zur Vortreflichkeit zu gelangen,zeichnete er, bey seinen Studien, immer zuerst die Figur nackend, welche er naLwerts bekleiden wollte "Und daß es namentlich seine Fornariua war, die ihm hiefür die meisten Dienste leistete, wird hierauf auseiner Raphaelischen Zeichnung bewiesen, die Mariette besaß, in welcher eine nackte Frauensperson er-scheint, gerade mit derselben Physiognomie und mit denselben allzudicken Hüften, wie dergleichen sein Lieb-chen besaß. Sein natürliches Nacktes verbesserte er dann nach den Antiken, oder vielmehr nach den Ideen,welche er aus diesen geschöpft hatte.

as8) Gestochen ist dieses Bildniß für Crozat von N. de Larmeffin, in Schwarzkuust von van Somer (1676.), undendlich von le Blond in England, in Farben.

rag) k'Fprcr'/ x. 94- — ä» Lad. IV. DIro. so.

> 3 °) Gestochen wurde dieses Bildniß, unsers Wissens, in ältern Tagen niemals, sondern zuerst, und einzig (mit-telmäßig) von I. Chereau für Crozat. Dann im bloßen Umrisse (jämmerlich) im Manuel >. o.

> 3 ») Das: per t'amore clis portsva »ä «»a 8U» äonna in der Urschrift ist freylich noch etwas arger.

» 3 -) Gesch. Leo X . (D. Uebers.) Th. n. S. 4°z.

» 33 ) ^lln»ll»ctl ». Lom isiv. 8. i»ü—zr.