Weltansicht und Weltdarstellung in den Schönheits-„nd Kcastgebilden der Griechen und Römer. Nieist irgend eines Künstlers Geist in das innere We-sen, nicht bloß der christlichen Religion allein, son-dern überhaupt des ganzen neuern Zeitalters so tiefeingedrungen; nie hat irgend eine Phantasie etwasHöheres erschwungen, nie irgend eine Hand etwasVollendeteres in dieser Art vorgestellt! Allein durchdas Chigische Casino in der Lungara, gegenwärtigdie Farnesina genannt, wurde ihm die Gelegenheitgegeben, auch in dem Gebiete der altern Wclt-und Götteransicht sich zu versuchen und daselbst zuzeigen, ob sein Geist zur Darstellung der griechischenChans dieselbe Geschicklichkeit besitze, die er in derVerbildlich»»«; des mystisch-religiösen Sinnes derneuern Welt bewahrt hatte. — Die zwey vorzüg-lichen Frescogcmalde, die dort theils vonRaphaelselbst, theils von dessen Schülern nach seinen Zeich-nungen ausgeführt wurden, sind dieFabel der Psychein zwey großen Plafonds und zehn sie umgebendenkleinern Bildern, in dem einen Saale; und Ga-latheens Triumph, an einer der Seitenwande desandern. Der Gegenstand der erstern ist aus demApulejus gezogen, aber von dem Künstler mit eige-nen Gedanken vorgetragen. In dieser seiner Be-handlung desselben wird zuerst der siegende Erosmit den Trophäen aller Götter, die unter seinerMacht sich beugen müssen, dargestellt. Von ihmweg blickt man zur Venus, aus Psychen erzürnt,und durch Mitwirkung ihres Sohns auf Rachesinnend. Daraus zeigt sich in einer Reihe vonBegebenheiten, als der Hauptgegenstand der Fabel,die zwey Mal verfolgte und eben so viele Malebeglückte Psyche. Eine Gvtterversammlung nebstden Vermahlungsseyerlichkeiten des Eros mitder Psyche auf dem Olympus dienen zur Entwick-lung des Knotens im ganzen Roman. Es würdenicht unangenehm seyn, geschichtlich gena» zu wis-sen, ob Räphael sich die Aufgabe zur Ausführungdieser Fabel selbst ertheilt, ober ob er sie von je-mand anders bekommen habe. Indeß da sei e Bio-graphen über diesen Punkt ein gänzliches Stillschwei-gen beobachten, so hindert nichts, diesen Gegen-stand als selbst gewählt von ihm anzusehen, beson-ders da er mit dem Hauptcharakter seines ganzen
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Seyns so innigst harmonirt. Ein Geist, der dasWesen der christlichen Religion so tief durchdrang,der in diesem nur die höchste Liebe zu erkennen glaubte,und diese, vollkommen in sein Gefühl verwebt, sounübertrefflich schön im Reich des Raums darzu-stellen wußte — dieser allein mochte es am beßtenvermögen, zur Schilderung des Geistes der alterngriechischen Mythologie dasjenige aufzufassen, wasdieser als das Höchste zum Grunde lag, sie zusam-menhielt und bewegte. In dieser ist Eros bekannt-lich der älteste Gott der Welt, aus dessen Verei-nigung mit dem belebten und alles belebenden Prin-cip das ganze irdische Seyn hervorgegangen ist.Bildlich gedacht, ist Psyche dieses Princip, die,ob sie gleich zu dieser Verbindung sich ewig hingezo-gen fühlt, und ihre künftige Wonne darinn ahnet,ihr theils durch Verwirrung, der ein stets beweg-tes unsiates Wesen nothwendig unterworfen ist,theils durch die ursprüngliche ihr eigenthümlicheFreyheit immer widerstrebt, und dadurch den Un-willen der Aphrodite , die diese Vereinigung immerwill, auf sich zieht. Nur dann, wann diese Verei-nigung erfolgt, kann sie beglückt und vergöttertseyn; mit ihr löst sich dann der Streit aller Ele-mente; mit ihr erscheint die göttliche Harmonie.Machte es aber dem eben so scharfsinnigen als dich-terischen Apulejus Ehre, diese sinnvolle Idee deralten Welt zuerst in einer Fabel bildlich vorgetra-gen zu haben, so gereicht es unserm Künstler zueinem nicht geringern Ruhm, daß er sie aufgefaßtund eben so philosophisch als bildlich schön darge-stellt hak. Unter seiner Hand ist sie zu einer großenplastischen Dichtung worden, die der Freund desAlterthums wie jeder denkende Kopf mit demselbenInteresse betrachten wird, wie die Logen und Stan-zen im Vatikan . Schade nur ist es, daß er dengrößten Theil der Ausführung seinen Schülern über-lassen mußte, und daß das Ganze derselben vonC. Maratti späterhin 134) ausgebessert ward, in-dem die Zeit Vieles davon verdorben hatte. DieGalathea allein, ein äusserst liebliches Gemälde indem zweyten Saale, ist ganz von seiner Hand,Auch jene beyden Deckeubilöer sind nicht in Ver-kürzung , sondern als an den Plafond geheftete Ta-peten gemalt 13z).
184) Noch späterhin auch von paradifl und Beletti. S. Fiorillo I. 92.
> 85 ) Die anschaulichste Beschreibung der Knphaeltschen Arbeiten in der Farnesina giebt Bevor» im Anfangeseiner; Oescrirlone «teile imLgini nelle Oamsre clel Vulicsno etc. x. 64—86. Hiernächst Kichordson III.>84— 9Z. >96—97. mir untermengten, »um Theil nicht unbegründeten Critiken. Alsdann Volkmnnn II.6z8— 4 >. und endlich Ramdohr III. HZ--7. Auch dieser weiß Mancherley daran auszusetzen, was immer-hin nachgelesen zu werden verdient. Gestochen wurde das Ganze dieser lieblichen Gebilde (d. h. die beydenHauptplafouds, die zehn Dreyecke, die vierzehn Lunetten und der Triumph der Galathea) unsers Wissensnoch von Niemand. Einzig sammelte dieses Ganze, in Umrissen (nur ohne die Verzierungen von Joh.deUdine), nach den Blattern von Dorigny, G. Audran u. a., London in: Vle er Oeuvre- «ie (Nro.
»89—201. und 8-,.) Dann aber gab die zwey Plafonds mit den zehn Dreyecke», ohne die Lunetten, in >2.Bl. Franz Perrier, und späterhin, nebst jenen Verzierungen von da Udine , und dem Triumph der Galathea(in eben so viel Bl. mit Titel und Jnnhalt) Nicl. Dorigny : kr/cke- et Kmorl- kluptise etc. !tvoll, Mustr-Itss. Kopien dieser letzter» lieferte hierauf (ebenfalls in >4. Blättern) Susann« MariaSandrart. Die vierzehn Lunetten dann (Sinnbilder von der — Allgewalt der Liebe über Götter und Men-schen) kennen wir, unsers Wissens, einzig von G. Audran (>5. Bl. nebst dem Titel). Diese Lunetten,nebst den Dreyecken, will London auch vou Jos. Juster kennen. Galarheens Triumph insbe«ouders gab,in ältern Tagen M. Anton, und gut copirt M- von Ravenna ; dann H. Golzius, schön gestochen (-592.);M. Bocquet, B. Picart, und in neuerer Zeit D. Cunego 177». für die Sammlung vou Hamilton (Ist eswohl diese, die man auch cvlvrirt, bey P. Montagniui zu Nom für >2. Zecchini fand ?). Wohl zu unterschei-den ist diese Galathea vou einer andern, die sich zu Rom in dem sogenannten Kabinel Julius II. im Vatikan finden soll, wovon unten die Rede seyn wird. Nach einer Anmerkung in der Sieneuser-Ausgabe des Vosarkgedachte vor ungefähr 20. Jahren auch ein (dort wacker genannter) Römischer Künstler, Feoli, neue Stichevon der Farnesina zu geben, und einige Proben dieser Arbeit werden daielost für Treue und Eleganz sehegerühmt. Ob solche aber wirklich vollendet aus Licht traten, ist uns unbekannt. Noch nennen wir von ein-zelnen Blättern aus dem ganzen Cyclus der Fabel vou Psyche: Vörderst die zwey Hauptdeckenbilder (dasGötteraericht über sie, und das Hochzeitmal) von Franz Paria und von Ciatres; dann das Gericht allein(nachVosari) von A. Veneziano und M. von Ravenna gemeinschaftlich (nicht von M. Anton), und (wahr-scheinlich eine Kopie dieses Blattes in entgegengesetzter Stellung) von M. Lucchese (l>l. l..) bezeichnet (vonletzten» findet sich in der Dresdner-Sammlung ein Abdruck in einer Art vou Helldunkel); ferner das Hoch«zeitmal allein, und zwar zwey erste Entwürfe zu einzeluen Stellen in demselben, beyde vermuthlich wiedervon A. Veneziano und M. von Ravenna gemeinschaftlich, eines mit: K. 8 a>»m->ucL «xcuä. 1545. bezeichnet;und noch ein drittes umständlicheres, wo eine Grazie den Nektar auf Psyche'« Kopf gießt, mitdl. 8. verkchlungensiguirt — Damm von den Dreyecken: Venus zeigt ihrem Sohn ihre Nebenbuhlerin, von M. Antou — Amorzeigtden drey Grazie» seine Geliebte, von M. Anton, Cherubin Albert >582. — Venus beschwert sich gegen dieJuno und Ceres, von M. Anton, Ch. Albert (>L8r.) und M. Ravignano — Venus fährt durch die Lüfte zuJupiter, und sie (nicht Psyche, wie es bey Heinere beißt) beschwert sich bey ihm über das ihr angethaneUnrecht, beyde wieder von Albert, aber erst von dessen Erben (>6-8.) dem Kardinal Magalotti zugeeignet. —Merkur in der Luft, stößt in die Trompete, von M. Anten und einem Ungenannten. — Psyche, von zwey