Band 
Zweyter Theil [3].
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32
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die Stanzengemälde rm Vatikan zu geben vermö-gend seyen. „Indessen" (setzt er hinzu) „könnteman zweifeln, ob Raphael wirklich zu allen diegemalten Cartone verseetigt habe, da man bey kei-nem gleichzeitigen Schriftsteller 163) die Anzahldieser letzter» ausgezeichnet findet. Wir nehmensie indessen hier für Ganzio's Werke, da keinesderselben den Geist dieses Künstlers ganz verläug-net. Zu vielen mag er bloß die erste flüchtig ent-worfene Idee gegeben haben, die hernach von sei-nen Schülern im Großen ausgeführt, und durchdie ungleiche Geschicklichkeit der Teppichwirker mehroder weniger entstellt worden ist". Hierauf reihetsie Fernorv nach ihrem Kunstwerthe, wie folgt:Paulus auf dem Areopag; Ananias Tod; die Blen-dung des Elymas; der Kindermord; Petrus erhaltdie Schlüssel 164); die Anbetung der Könige; dieHeilung des Lahmen 165); der Fischzug rü6);Sauls Bekehrung; die Geburt (Anbetung derHirten); Reinigung Mariä (Darbringung im Tem-pel); Steinigung Stephani; das Mahl zu Emaus;Ausgiessung des Geistes; die Himmelfahrt; Chri-stus als Gärtner; Christus im Limbus 167). Als-dann folgt mancherley Treffliches über den in denworzüglichsten dieser neunzehn Bilder herrschendenCharaktere. „Raphael" (heißt es da) „verfer-tigte die Cartone zu denselben innerhalb der dreyletzten Jahre seines Lebens; also in einer Periode,wo er auf dem Gipfel seiner Künstlergröße stand,seinen Geschmack bereits zu der Reinheit des Styls,so wie seine Darstellungskraft zu der Freyheit undSicherheit ausgebildet hatte, die an den Werken ausdiesem Zeitraum, namentlich auch, neben den Tapeten,in den Loggien des Vatikan so sichtbar sind. Unstrei-tig behaupten die Gemälde in den Stanzen nichtetwa bloß durch ihre ausgedehnte Größe (die allemein Kunstwerk weder gut noch schlechtmacht), son-dern auch durch, reichere Composition, welche Ra-phaels unerschöpfliche Jdeensülle und dichterischenKunstgeist im hellsten Lichte zeigen — durch eineMenge charaktervoller Köpfe, und durch den grö-ßer» Fleiß einer mit Liebe beseelten Vollendung,mehrere wesentliche Vorzüge vor jenen. Aber hierist weder von dem Reichthume des Erfindungsgeistes,noch von der charakteristischen Wahrheit des Aus-drucks , noch von den technischen Verdiensten derAusführung, sondern bloß von der größer» Rein-heit des Styls die Rede, worin, wie wir ausguten Gründen behaupten, die Stanzen im Gan-zen von den Logen und Teppichen noch übertreffenwerden". — Der geübte Kunstsinn bemerkt diehöher» Vollkommenheiten dieses Styls in der spie-gelhellen Klarheit und Deutlichkeit des Bildes, dieuns durch den treffendsten und bestimmtesten Aus-druck sogleich den Inhalt der Darstellung erkennenlaßt, indem immer ein Theil wechselseitig den an-dern, und so das Ganze sich vollständig durch sichselbst erklärt, wie in dem erblindenden ZaubererElymas, dem Tode des Ananias , u. a. — Inder Einfachheit und weisen Sparsamkeit, so daßder Hauptgedanke sich sogleich ankündigt, und we-nige, aber bedeutende Figuren einen großen Reich-thum vvn Ideen darbieten, wie in der predigtdes Paulus an das Volkzu Arhen. — In dervöllig kunstlos scheinenden Anordnung der Figuren,wie in der Meinung des Petrus zum Schlüs-selamt — In der großen Sicherheit und Energiedes Ausdrucks, welcher immer das rechte Maaßbeobachtet, und mit festex Hand die Grazie auf die

Grenzlinie des Affekts leitet, und dabey die genia-lische Freyheit des Geistes in den kunstreich ver-schlungenen und doch natürlich schönen Gruppenzeigt, wie in den Scenen des Lindermords, undim Schrecken der Wächter bey der Erscheinung desauferstandenen Christus; endlich auch in demeinfach großen und reichen Styl der Gewänder,der, bey der mannigfaltigsten Wahl des Wurfs im-mer nur das Nothwendige, und dieses stets mitunmuthiger Freyheit bildet".— „ Em karakteri-scher Unterschied zwischen den frühern und späternWerken Raphaels zeigt sich dann besonders nochin der Art, wie er dort und hier sich der Naturbedient hat 168). In den Stanze» z. B. wo beywenigem Stoff zum Handeln eine aroße Anzahl Fi-guren nöthig war — wo der Künstler mehr phy-siognomischen als pathognomischen und mimische»Ausdruck zu zeigen hatte, und wo dennoch Alleslebt, fühlt, und Theil nimmt, wie im Sakra-menrsstreit, in der Schule von Arhen, imParnaß, im Münder von Boisena, finden wireine Menge von Köpfen, die sich auf den erste»Blick als wirkliche Bildnisse ankündigen; und Ra-phael legte aus seinem Gefühle nur noch den Aus-druck des momentanen Gemüthszusiandes hinein,wie er ihn für seine Darstellung bedurfte: Daherauch die sprechende Wahrheit der Physiognomie»in diesen Gemälden. So schöpfte er aus der Na-tur jenen Reichthum mannigfaltiger Individualität,den wir bey ihm bewundern, und bereitete sich da-durch vor zu der höchsten Stufe der Erfindung,zur Schöpfung eigener individueller Bildun-gen. Darum finden wir den häufigen Gebrauchaus der wirklichen Natur entlehnter Physiognomien,womit er begann (und wodurch z. B. sein erstesStanzeiibjld, die Diepma, dem Künstler, alsStudium des physiognomischen Ausdrucks, freylichso wichtig wird) in seinen letzten Werken (in derFarnestua, den Loge», dem Spaftmo di Si-cilia, der Verklarung, und dann eben in denTeppichen) nicht mehr. Hier gleicht kein Gesichteinem wirklichen Bildniß; und doch sind die Phy-siognomien nicht weniger bedeutend und individuell.In den Tapeten finden sich zwar einige Köpfe,die noch jenen Stempel vvn Wirklichkeit tragen;aber man darf sie nur genauer betrachten, undmit jenen in der Disputa vergleichen, um sich zuüberzeugen, daß sie Schöpfungen einer von leben-digen Eindrücken der Natur erfüllten Einbildungs-kraft sind. Ihnen mangelt, wenn man so sage»darf, das Individuelle im Individuellen, das bloßZufällige der wirklichen Natur, welches jenen nochanhängt, und ihnen, bey noch so großer Wahrheit,zugleich eine Kleinlichkeit in den Formen giebt,welche dem Jdealstyle der dramatischen Malerey,dessen Raphael sich erst späterhin bemächtigte, wi-derstreitet. Durch die Schöpfungskraft seines Gei-stes erwarb er sich nämlich das Vermögen: Auchden individuellen, physiognomischen Charakter seinerMenschen, in eben der Mannigfaltigkeit wie dieNatur, aber dem Bedürfnisse seiner Kunst gemäß,selbst zu schaffen. Dies beweisen zum Theile schoneinige seiner Stanzengcmälde, sein Heliodor, seinArrila, das Münder der Messe, wo man ebensowohl erfundene, als hinwieder bloß aus der Na-tur entlehnte Physiognomien, beyde mit bewun-dernswürdiger Mannigfaltigkeit und treffender Wahr-heit findet. In einigen der Teppiche hinwieder,wo es für die Darstellung der Menschen aus dem

163) Unsers Wissens überhaupt nirgends.

16z) Somit unter die sieben erste» zählt er aus den sieben nach den Cartons zu Hamptoncourt fünfe.»65) Erhält die neunte Stelle.

166) Dieser die zehnte.

167) Also von den zwölfen, deren Cartons vermißt werden, zählt Fernow nrune unter die geringern.16L) Das gleich Nachfolgende verdient ganz besonders erwogen 1» werden.