den man Raphael nennt, weder die Schönheitder Formen, noch viel weniger des ColoritS, wiein seinen übrigen Bildnissen; hier scheint er krankesein Aug' erloschen, Haar und Bart vernachläßigt,und letzkrer vollends falsch zu seyn 29t). Dafüraber ist der andere Kops des sogenannten Fechk-lehrers (oder, wenn Man lieber will, pomor-nio's) von größter Schönheit in Zeichnung undAusdruck, und die schwere Verkürzung der rechte»Hand ein wahres Meisterstück 292).
i?. Endlich nennt l'Epicie noch ein in demInventar der Königl. Gemälde als Raphael ge-nanntes Bildniß Papst Adrian VI. was aber un-möglich das Werk des Unsrigen seyn könne, daAdrian nicht nur erst in 1522. zu dieser Würdeerhoben worden, sondern sich auch früher niemalsin Italien befunden habe 293).
Hicrnächst befinden sich im Französischen Mü-seum, als Kunst-Eroberungen, neben dem schonsrüherhin Erwähnten, noch Folgendes:
18. Die Madonna belle Seggiola von dreyHalbfigurcn- aus dem Pallaste Pitti O s" imDurchmesser). Dies ist eines von denjenigen be-rühmten Bildern unsers Künstlers, dessen vasäri(fast unbegreiflich zu hören!) mit keinem Wortegedenkt. Zu Florenz , wo es sich seit 1539- sollbefunden haben, war es hinter Glas verwahrt.Jußli, der solches mir aus dem freylich trefflichenStiche von Morghen kannte, beschreibt es schonnach diesem, wie folgt: ,z Maria auf einem Stuhlefitzend hält das'Kind Mit Inbrunst auf dem Schooße,und hat ihr Haupts mit nachdenkender aber zufrie-dener Mine, bis an das Gesicht desselben gesenkt. —Ernst, Würde und Anmuth find in ihrem Gesichtemit der schönsten Form vereinigt. Das Kind-wclches sich still an die Mutter schließt, und isteiner ruhenden Wendung sitzt, scheint auch nach-denkend zu seyn, und sein Gesicht hat, ungeach-tet der nothwendigen kindischen Form, etwasaußerordentlich Geistreiches in seinen Zügen, undbesonders in seinem Blicke. — Johann, der sichan den Schooß der Maria in einer anbeterdenStellung lehnt, und dessen Gesichtszüge nur Un-terwerfung und Demuth ausdrücken, macht einenbesondes schönen Kontrast in dieser vortrefflichenGruppe", u. s. f. Dann aber rühmt vörderstRichardson an demselben das mit großer Einsichtangebrachte Helldunkel, und das wunderschöne Ko-lorit , besonders an dem Arm des Christkindes derim Lichte steht, die Mannigfaltigkeit und Zartheitder Tinten, so wie überhaupt die meisterhafte -nichts minder als geleckte Vollendung des Ganzen.An der Zeichnung rügt er einzig das etwas Ge-zwungene an der Hand der H. Jungfrau, so wiean dem vorgestreckten Fuße des Kindes. Don« Aus-drucke im Charackter des letzter» heißt eS dort(wohl nicht ganz ohne Grund), daß derselbe nichtdie ruhige Erhabenheit, wie in andern ähnlichenBildern, sondern etwas Ernstes, fast wegwerfendes,immerhin aber nicht Unwürdiges an sich trage. Vonden Haaren, ebenfalls des Kindes, sagt er, daßeine Locke derselben, wie vom Schweiß zusammen-geballt, auf die Stirne fallen. Bis auf einigeetwas gebleichte Stellen und kleine Spalten seydas Werk vollkommen erhalten. Meyer dann inden Propyläen bemerkt, mit gewohnter Scharf-sicht: Die meisten sogenannten Madonncnbildcr undH. Familien gehören nicht zu den idealischcn, son-dern zu den reinMcnschlichen Darstellungen derKunst; selbst die nnsrige sey nicht mehr- als viel-leicht nur die fürtrefflichste dieser Art". Wahr-
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fcheinlich ist hier die H. Jungfrau ein Bildniß,oder sie könnte es doch seyn; denn es leben gewißzu allen Zeiten und in jedem Lande eben so schöneFrauen, und vielleicht mehrere als man denkenmöchte. Gedachtes Bild hat nichts von dem Ho-hen, Heiligen, Himmlischen, was wir mit derIdee von der Mütter Gottes zu verbinden pflegen,sondern es ist bloß treue Darstellung der reinstenMenschlichkeit, und gerade daher fließt sein unwi-derstehlicher Reitz; därum liegt es allen Wünschenund Hoffnungen jedes Herzens so nahe, Nnd be-darf keines fernern Zwecks, keiner andern Bedeu-tung. Wo sie demnach, wie hier, menschlich han-delt, auf Erden ist und lebt, mit ihrem Kindebeschäftigt ist, dasselbe pflegt, herzt, Ü. s. a.da sey sie menschlich, unschuldig, zart, sanft —das Symbol der Mutterliebe, d.h. des gemüth-lichsten und zartesten Triebes im Menschen; siekann nur an Innigkeit, an dem Anziehenden undRührenden für uns verlieren, wenn sie in ihremmenschlichen Zustande anders als eine liebende Mut-ter dargestellt erscheint; denn wir können fa vonder Mutterliebe durch nichts einen höher» undschönern Begriff geben, als durch die Wirkungderselben. Der kleine Johannes dann ist (wenig-stens in unserm Bilde) bloß eine Zuthat, welche daSKunstwerk mehr rundet, und die Anordnung des-selben vollkommen macht, aber deswegen die Dar-stellung in ihrem inner» Charackter nicht andernkann". Auch die Franzosen , nachdem sie dieseJuwcle aus Floren; erbeutet hatten, konnten desPreises derselben kaum satt werden. «In diesemBilde" (sagt Landon, freylich etwas flach) «siehtman den reinsten Ausdruck von Seelenruhe undHerzensgüte in der Mutter; keine Leidenschaft störtdie Züge ihres Gesichts, und die Kinder — wielieblich, freundlich und naiv! Das Ganze ist vollAnmuth und Grazie. Das Kolorit bann ist über-aus einfach. In spathera Zeiten erwarb sich Ra-phael mehr Kraft des Pinsels; allein" (dies nunsehr gut) «diese Simplicität der Farbengebungpaßt gerade hicher; durch einen prachtvollern Pin-selstrich und ein stärkeres Kolorit würde dieses lieb-liche, harmonische, sanfte Ganze nicht gewonnenhaben". Hauptsächlich aber lesen wir im: lAanuelckll lVluseum krsnhsig (Nr. ) Nachstehendes: «Inseinen H. Familien scheint Raphäel seinem Urty-pus einer Madonna von Alter zu Alter gefolgtzu haben, und z. B. die gegenwärtige keine an-dere als die sogenannte Madonna die Gärtnerin,vom Sechszehnten zum Vier und Zwanzigsten ge-langet, zu seyn. Hier stand ihke Schönheit aufder obersten Stuffe; sie hörte auf zu wachsen undnoch schöner zu werden. Alles ist in diesem Kopfevollendet; seine Formen sind die anmuthiqsten undzugleich regelmäßigsten, die man sich denken kann.Wer die Umrisse und Züge desselben studiern will,wird bemerken, wie alle diese Züge nicht alleinschön, sondern auch für einander gemacht — dieAugen tiefer liegend (ertclmsses) und geistreichersind, und zu der mehr geformten Nase, und demfeinern ausdrucksvollern Munde gehören. Auchdas Oval ist gebildeter und minder rundlicht. DerBau ihrer Wangen (le-s msplats) hat breitereContoure; von der frühern zarten Blüthe sind siezu ihrer Frische gelangt. Auch ihr Anzug ist be-sorgter, geschmückter, nicht mehr unbeachtet wiein ihrer ersten Jugend. In dem Kinde hienächstnehmen wir das nämliche Wachsthum wahr; eshät seine fünf Jahre erreicht, schon spürt manihm Würde an. Raphael hatte das Verhältniß
291) I.S trsit zs»> «5t äu sagt dann freylich der oberwähnte Äunstrichter, woraus wir wieder schließen
sollten, daß Larmessin» Stich, und der Nachstich im Umrisse (eben im Manuel selber) den Kopf weit älterals das Urbild darstellen.
292) S. Alle dies l. c. dort mit weit Mehrerm ausgeführt. 2 » neuern Tagen gab von diesem Bilde ei» BlattP. Audöiu» nach le Fvrk's Zeichnung für s XXIX. Heft des Museums Napoleon .
292) PLyicr's I. c. p. 9Z.