Band 
Zweyter Theil [3].
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zwischen Mutter und Kind ganz ergründet. — Jenedrückt es cin ihr Herz; dieses schmiegt sich an sie<8'x retii-e). Die Lage des Arms der Jungsrauund des Kniees des Sohns ist aus der Natur ge-holt; jener Arm und vieles Knie dienen einanderzum Stützpunkt, und machen das Band zwischenbeyden noch inniger. Neben dem Hauptgedankenund der Zeichnung kann man nicht umhin, die ge-schickte Zusammensetzung zu bewundern, die in ei-nem engen Kreise drey Figuren so vereinigt, daßfast kein lediger Raum übrig bleibt, und dennochkeine von allen Dreyen in gezwungener Lage er-scheint. Auch die Hand der H. Jungsrau ist demAlter des Kmds angemessen, minder fleischigt, undzugespitzter; doch scheint ihr Ebenmaaß etwas großzu seyn. Der junge St. Johann endlich hat denunverkennbaren Ausdruck von Andacht und Liebe.Dem Kolorite wirft man vor, daß es ein wenigauf Rosenroth und Lila ziele, »nd minder wahrsey, als man es sonst bey Raphael in seinenschönsten Werken zu finden pflege 294). Nichtz» verwechseln mit der unsrigen ist jene andereMadonna della Scdia von zwey Figuren, welchewir oben unter den Bildern zn Spanien (Nr. ic>.)genannt haben 295).

19. Eine andere H. Familie, ebenfalls von dreyHalbfiguren, wo die Mutter das erwachende Kindaufdeckt, und hinter ihnen St. Joseph, auf seinenStock gelehnt, aufmerksam zusieht. Dies 3^ 9 "hohe, und 2^ 10" breite Bild stand seit hundertJahren in der H. Kapelle zu korctto und war ingroßem Ruft. Dort wurde es beym Durchzögeder Französischen Truppen mitgenommen, und kamnach Rom in Verwahrung des Päpstlichen Nipo-ten Braschi. Von ihm in das Museum Napoleon .Ein zweytes ähnliches befand sich ehemals in derGallerie Orkans , und soll jetzt in England seyn.Man zweifelte aber an der gänzlichen Originalitätbeyder, doch besonders des erster». Dieses, vondem hier die Rede ist, ist 3^ 9 " hoch, 2- iv" br.in lebensgroßen Halbfiguren. «Man findet" (heißtes bey Landon) «in diesem Bild allerdings dieReinheit der Zeichnung, welche Raphael eigenist. Die Composition ist unbezweifelt von ihm;aber nicht so sicher ist es, daß er es selbst gemalt;vielmehr' scheint dasselbe eine etwas trockene undmittelmäßig ausgeführte Kopie zu seyn". Etwashöher scheint es hingegen das Manuel zu achten,und spricht davon, wie folgt: «Dieses Bild mußaus Raphaels mittlcrm Kunstalter seye; der Kopfder Madonna könnte zwar zu seiner schönsten Zeitgerechnet werden; aber die Drapperie zeigt einefrühere an, die Falten haben nicht die gewohnteLeichtigkeit und Feinheit. Die Färbung des Kopfsist wirklich sehr schön, und die Gcsichtszüge schei-nen der erste Ausdruck jenes jungfräulichen Typuszu seyn, den sich der Künstler schuf, und späterhin,

seiner ursprünglichen Reinheit unbeschadet, so sehrzu vcrmannigfalkigen wußte. Die Hand, welcheden Schieyer hebt, ist zwar zart gezeichnet, aberdie Grazie ihrer Stellung etwas gesucht. DieStellung des erwachenden Sohnes ist für ein Men-schenkind wahr genug; andremale gab er ihm mehrGöttliches. St. Joseph ist nachdenkend, und seinKopf spricht unzweydentig den Charackter einesedcln Greisen aus 296)."

20. Christus in der Glorie (die Stirne mit ei-nem Lorbeer-oder — Dornenkranz? umwunden),Maria zur Rechten und St. Johanna zur Linken.Unten in einer Landschaft St. Paul zur Rechtenund St. Catharina zur Linken; daher dieses Bild,das einst in der Pauliner Nonnenkirche zu Parma stand, den Titel der fünf Heiligen tragt (3/ 9"hoch, 3^ i" br.). Bey dessen Anblick soll Allegrisein berühmtes: ^nck'io scm plttore! gesprochenhaben. Bey Richardfon (bcmerkenswcrth) wirddieses Bild noch nicht aenannt. Bey Volkmanndann heißt es von demselben (wohl sehr übereilt):Es sey durch Aufmalen von schlechten Handen soverdorben, daß nichts mehr gut daran sey, als dieZusammensetzung. Etwas anders hingegen (frey-lich- auch nicht als eines der vorzüglichsten Werkeunsers Künstlers) finden es die Französischen Kunst-richter. «Dasselbe" (sagt Landon) «scheint von .den Nonnen des Klosters also bestimmt und bestelltworden zu seyn; denn bey allen Vorzügen der Zeich-nung und des Pinsels ist die Composition und derGedanke des Ganzen äusserst mittelmäßig". Die-ses führt dann aber der Verfasser des Manuelweit besser aus, wie folgt: «Dergleichen Gegen-stände wurden ohne Zweifel dem Künstler so befoh-len, und sein Talent konnte sich für solchen Zwangbloß durch Vorzüge des Details entschädigen. Sogab er hier dem Ganzen einen stralenden geheim-nisvollen Ton, welcher einzig von dem Koloritausgieng. Denn, was die Zusammensetzung betrifft'sieht jede Figur vereinzelt da. Diejenige des Chrst'sin der Mitte, in sehr kräftigem Halbschatten, löstsich von dem leuchtenden Hintergrund ab; der Kopf,st ein wenig rund, die Nase wohl kurz; auch dieAugen sind zu rundlichk geschnitten; der ganze Kör-per ziemlich mager. Die H. Jungfrau dann ge-hört noch nicht zu denen, die uns sonst Raphaelso unnachahmlich hinterlassen hat; St. Johannhingegen ist schön für Stellung, Zeichnung, Ge-wand und Allem, was man nackt davon sieht.St. Paul hat einen großen apostolischen Charackter;der Kopf von Sr. Cakherinen ist voll naiver Grazie,die obere Oberlippe allein ist etwas dick — undwer weiß, ob dergleichen nicht etwa in irgend eineralten Legende seinen Grund haben mochte; ihreDrapperie ist des Künstlers beßter Zeit würdig,ungeachtet man sonst dieses Bild nicht in dieselbesetzen kann. Sein Talent zeigt sich darin bloß in

29z) S. Füßli I. >60. — äkrcbaräis» III. 121—2,. — Propyläen I. si.) 24. 51—52. — standon Annal. II.Nr. 61. — ivl-inuel (Oeuvre 6e Laxbact) dir. 2z. Seiche von diesem wunderschönen Bildern nennenHeiiiecke II. 435 — 36. und winkler Nr. 3757—64. an ein Dutzend. Aber (auch dieses höchst seltsam!)keinen einzigen von einem bekannten zeitgenöffigen Meister. Die ältesten sind ein schlechtes von einemgewissen Servaellius oder Servaetlius Raeven, dessen eigentliche Lebenszeit noch ,'m Dunkeln liegt; dannein weit besseres von E- Sadeler; und zwey bey winkler bloß als Kopien (aber na» wem?) genannteBlätter vcn C. Galle, und einem' ebenfalls wenig bekannten Gottfr. Müller. Hierauf folgen sofort dieneuern von A- Lorenzini, I. D. Picchianti, F. Gregori, Bartolozzi (1778.) lebr artig, I. M. Preislec(1784. zu Kopenhagen ), I. Volpato (dieses nennt bloß Kost IV. 226. und verwechselt es vielleicht mit demfolgenden trefflichen seines Schülers), R- Morghen (dessen erstes zu Florenz , nach dem Urbilde gestochenesBlatt), unserm Ermesse» nach jedoch noch überkroffeu von I. G. Müller, nach du Tertre's Zeichnung für'sXXI. Heft des Museums Napoleon ; ein Paar anderer bey Heinecke, welche bloß neue Drücke mit verän-derten Zueignungen zu seyn scheinen, nicht zu gedenken.

295) Don van Schuppen gestochen. Heinecke und winkler setzen solche mit der Flvrentinischen unter dieselbeRubrik, weil ihnen die Stelle des Urbilds unbekannt blieb.

296) /nuL,» Hinisl. xvl. dir. 55. dir. zz. An beyden Orten finden sich davon Nachbildungen im Um-

risse. Eben so auch in standon's Vie etc. lle Lapt-aei dir. >48. Dorr wird es das Bild aus der GallerieLrleans genannt, welches schon früberbin Romaner gestochen habe. Eben diese Vorstellung gab endlich noch früherauch I. Chereau, wie es bey Heinecke II- 434 - heißt, nach einem Bilde des Crozatschen Kabinettes. Newwürde es fi» wohl der Mühe lohnen, nachzuforschen, in wie weit dasselbe mir demienigen Aeynlichlcithabe, welches, nach stanzt, sich im Besitze einer H. Maggiori zu St. Fermo befindet, wo auf JosephsStocke Raphael« Chi'sser, nebst der Iahrzahl i 5 ' 7 - stehen soll, und ob etwa ähnliche Zeichen auch auf denBildern zu PariS und in England ersichtlich seyen.