Band 
Zweyter Theil [3].
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che Schönheit. Mehr natürliche Grazie undeine andere giebt es ja nicht! als diese Ma-donna/ haben wenige Gebilde der Kunst. Elisa-beth blickt aus zu St. Joseph, der, an seinemStäbe gleichsam hangend, mit seinem gutmüthige»Gesichte gleichsam drein lächelt. Die Köpfe sindschön, und bey allem, selbst Jdealischcn, dennochmit Nakionalzügen und mit lieblicher Individuali-tät verwebt; und dies ist es, was sie so reich anCharackter, und in ihrer geistigen Fülle so anzie-hend macht. Das Costume ist einfach, ohne diemindeste Anmaßung, vermuthlich geradezu von derdamaligen Volkstracht entlehnt 374).

2. Das zweyte, ganz anders merkwürdige Ra-phaelifche Bild, welches einst die Gallerte zuDüsseldorf , jetzt diejenige von München ziert,ist der Johannes in der Wüste ( 6 - 6 " hoch, 4^4" br.).Die Stellung desselben" (sagt Hein-fe 375 ) »ist schwer zu beschreiben"; und er be-schreibt solche in der That so unverständlich wiemöglich. Und doch könnte sie kaum natürlicherseyn. Die herrliche, ganz nackte, nur um dieHüften mit einer Schürze von Lygerfell bedeckteFigur sitzt auf dem erhöheten Vorqrunde einerdunkele» Waldgegend, womit seine schöne Beleuch-tung nichts minder als unverträglich ist. Dernachdenkende Blick seines mit krausen, lichcbraunenLocken bedeckten Hauptes ist auf eine neben ihmsprudelnde Quelle gerichtet, aus welcher er miteiner Schnake in seiner Rechten einen labendenTrunk geschöpft hat; in der Linken hält er einneben ihm auf dem Rasen ruhendes kleines Kreuz.Außer dem Gehölze in geringer Entfernung ruhtein kleiner Tempel; im Hintergrund eine Stadtam Fuß eines hohen Gebirges. Von dem Ganzenspricht Heinfe allerley schönes Helldunkclcs-576).Das Beßte ist:Erscheinung eines himmlischenGeistes, dessen Heimath nicht auf dieser Erde ist,so eben nur sichtbar in seiner irrdischen Schönheit;ein reizender Jüngling, den, bey aller Huld, einSchein edler Wildheit und Mißmuths gegen dasGetümmel der Menschen umschwebt; der nun ab-lassen will, von seiner düstern Betrachtung, wiedie sich neigende Sonne, und von der aus demFelsen quellenden Fluch sich willig kühlen laßt".Weit besser hingegen spricht von diesem wahrenWunderwerke der Kunst (das vielleicht besser wiekeines die Schönheit einer alten Bildsäule mitRaphaels Ausdrucke vereint) wieder G. Fo-lien 377), wie folgt:Die Zeit hat diesem gött-lichen Bilde gegeben und genommen; gegeben:Eine Wahrheit des Kolorits, die es vielleicht bc»seiner Verfertigung nicht hatte; genommen aber(doch nnr an einigen Steilen) den bestimmtenUmriß, dessen dunkle Schatten sich in den nochdunklern Hintergrund verlieren. Alles Uebrige istdas Schönste, was man sich denken kann: Kraftin Ruhe; nicht Abspannung, sondern Gleichge-

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wicht dies ist hier das so schwierig zu lösende,und doch so vollkommen aufgelöste Problem. Wirsehen einen Mann in Jönglingsschöne sitzen; derKörper ruhet, doch nur vermittelst wirkender Mus-keln, und der rechte Arm schwebt frey mit dergefüllten Schaale. Indem er sie zum Munde füh-ren will, verliert sich sein Geist in seiner innernGedankenwelt, und seine Hand bleibt, ihm unbe-wußt , schweben. Mildelachelnd belohnen seineLippen, von uncntweihter Reinheit, den., der ih-rer Stimme horcht. Ist es vielleicht die stilleFreude einer bessern Zukunft? Wenigstens um-schweben in diesem Augenblick frohe Gedanken 378)den geschlossenen Mund, und scheinen gleichjamzu buhlen um die Hülle des Lautes. Niedergesenktist der Blick; theilnehmende Bewunderung einergeahndeten Größe 379 ) drückt die Augeulieder;unter ihrer großen schwärmerische» Wölbung siehtein Göttergesicht vor der innern Sehe, wogegenihm die mit Reiz geschmückte Erde nur Staub ist.Ein Ocean von Begriffen liegt klar auf seiner Stirnentfaltet. Wie heiter ist diese Stirne! Keine stür-mische Leidenschaft stört den heiligen Frieden dieserSeele, deren Kräfte doch im gegenwärtigen Au-genblick so rege sind! Vom runden, festen Kinn bisz»r braun gelockten Scheitel, wie wunderschön istjeder Zug! und dennoch, wie versinkt diese Sinnes-schönheit in der erhabenen Schönheit der Seele!Das Buch des Schicksals einer verdorbenen Weltliegt auseinander gerollt vor den Augen dieses ho-hen Jünglings 380). Durch Enthaltsamkeit undVcrläugnung geschärft und geläutert, ergründetesein reiner Sinn die Zukunft. In einsamen Wü-steneien denkt er dem großen Bedürfnisse des Zeit-alters nach. Zu edel für sein gesunkenes Volk hatteer sich von ihm abgesondert, hakte es gestraft durchdas Beyspiel seiner strengen Lebcnsordnung, undkühn gezüchtigt, mit brennenden Schniackreden.Jetzt fühlt der ernste Sittenrichter tief, baß dieseMittel nichts fruchten; in die eckelhaste Masse selbstmuß sich der bessere Gährungsstvff mischen, der je-ner ihre Auslosung und Scheidung bewirken soll.Aufopferung, Langmuth, Liebe und zwar inwelchem den Geschlechtern der Erde, ja seiner rau-hen Lugend selbst »och unbegreiflichen Grade! fe-dert diese allgemeine Zerrüttung des sittlichen Ge-fühls seines Volkes. Hier wagt er es, diese Ei-genschaften vereinigt zu denken, und im Geiste dasIdeal zu entwerfen, das solche bis zur Vollkom-menheit besitzt. Bald aber dünkt es ihn, diesesBild sey nicht ein bloßes Werk der Phantasie; esverwebe sich mit ihm schon bekannten Zügen jenesjugendlichen Gottmenschen, in dem die Rettungder Erdbewohner schon beschlossen liegt! DieserUeberzeugung frohe Schauer sind es, die der ge-senkte Blick, im innern Anschau 'n verloren, unsverkündet 381)."

In ß^alzchalum sah man einst:

574) Nach Alle diesem s. man noch (wenn man wi'll!(*was ein gewisser I. V. Freds» de ka Bretonnieoe,Maler, in: Observskions xur I'srt cie Irr pvinturv, gppligueeii xur >S!> Igklesux (is In llalleris tie- 0>IL!>V-I--loi-r (8 it>. 776.) s>. 4546. in der jämmerlichsten Sprache über dieses Bild faselt. Gestochen ist dasselbe(unsers Wissens) einzig in dem bekannten Galleriewerke, und späterhin, schlecht genug, im Nieberrhei-irischen Almanach >80,.

575) l- c. S. -94-

Z76) I. c. 295-98.

577) l. c. S. 25k. u. ff. wo er (merkwürdig genug, und wer Wels», vielleicht nicht ohne Grund) solches fürdie Arbeit eines Unbekannten hält.

578) Hier, glauben wir, daß Heinse besser, als Fosier, gesehen hat.

579) Dessen, der da kommen soll.

58<>) Hier scheint Foster wieder ganz mit Heinse einzulenken.

38-) Auch dieses klassische Bild, von welchem den:, doch der oben angeführte la ^retoniiiere >. 0. 4849.ebenfalls mit großem Lobe spricht, kennen wir nbgends gestochen, als in dem Düizeldorfer-Galle,iewerk,i» dem gewohnten kleinen Formate desselben, und wahrscheinlich eine (gute) Kopie davon, von Hesse, imRbein. Taschenbuch -8oo. S. 68. Dann aber sahen wir aus dem Zürcher-Salon ,8>4- eine ganz vor-treffliche Zeichnn»« nach dem llrbilde, von dem jünger» K>. Lips in München , welche für den Stich durchEbendenselben bestimim ist, und mir Recht d»e größten Erwariimgcn errege» muß. Möge es nnr diesemtalentvolle» Künstler an keinerlei» Art von Ausmuntcrung zur nahe» Ausführung seines schönen Entschlussesgebrechen!

Anh. zum VII. Heft.

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