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der Besessene mit seiner Gruppe, woran man denschüchternen Pinsel von Giriliv Romano erkennt;hingegen sind die gegenüber flehenden Kopfe derApostel wenigstens von ihm übermalt, »nd konnteman darin alle seine Irenen Meisterzüge unterschei-den. Dem ungeachtet ist der Ton des Kolorits imGanzen nicht abwechselnd genung, und das Fleischerscheint trocken und hart» Vermöge seines allge-mein angenommenen Grundsatzes bediente er sich desGelben und Carmesiurvtheii wenig. Weit besserhingegen verstand er die Wirkung, welche dunkeleFarben hervorbringen, indem er sie ins Graneund Schwarzlichte verwandelte; und da er sichnicht um Widerscheine bekümmerte, „arbeitete erbloß mit hellen und dunkeln Farben, woraus erseine Halblinken zusammensetzte; daher auch dieseganz ins Graulichte fallen 402)". Weil nun daszarte Fleisch mehr Verschiedenheit fordert, als an-deres, so erscheint das seinige, aus Mangel derReflexe, sehr einförmig, und in gemeiner Farbe.''
„Es war ein Unglück für die Malerei überhaupt,daß Raphael in seiner beßten Zeit kein Bild inDel ganz mit eigener Hand fertig machte, sondernsie aile von seinen Schülern, vornehmlich von Ju-li» Romano anlegen ließ, dessen Geschmack vonNatur hart und kalt, und sein Pinsel zwar gelecktund vollendet, aber zugleich, wie schon gesagt,furchtsam war; sonst könnten wir besser sehen, inwie weit ersterer sich aufs Kolorit verstand. Denn —noch einmal, in der Transfiguration sehen wir deut-lich, baß die Köpfe der Apostel, welche er über-malte , und die ihrem Charakter nach lebhafte undimpastirte Farben erlaubten, von sehr schönem Ko-lvrite sind. Da hingegen der Frauenkops auf demVorgrunde sehr grau ist, so glaube ich, daß der-selbe, als er noch frisch war, nicht so gewesen sey,sondern daß Raphael, um das Glatte und Vol-lendete von Jnlio Romano beyzubehalten, ihn nurganz leicht ritvccirt habe, und daher die dünnedarüber gelegte Farbe nicht von langer Dauer seynkonnte. In eben dieser Figur ist eine Verbesserungdes großen Zehn, woraus man sieht, daß, umden Fehler der Anlage zu decken, er solchen starkimpastirte. Eine ähnliche Verbesserung sieht manan dem Daum des Apostels, der ganz vornen steht,daher auch dieser Theil am beßten gemalt und er-halten ist. Am Vorzüglichsten aber sieht man das,wovon hier die Rede ist, an des Künstlers eige-nem Bildnisse (einst) zu Florenz im Hause Alto-viti; in diesem bemerkt man einen Geschmack imKoloriern, der mit Giorgione's und Corregqio'sseinem mehr Aehnlichkeit hat als mit seinem eignen."
„Uebrigens darf man sich nicht verwundern, baßRaphaels al Fresco's ein besseres Kolorit haben,als seine Oelgemälde. Vörderst hatte er in den^ erster,, die mehrere Uebung; dann erscheinen dieErdfarben, die er verarbeitete, in derselben weitschöner; und endlich konnte er seine Schüler zumAnlegen dieser letztem nicht gebrauchen, wie zuden Oelbildern. Auch ist es gewiß, baß man dasEbozziren noch allzeit erkennen kann, wenn dasGemald schon fertig ist; den», wenn er jenes ganzhatte verändern wollen, so würde es ja unnützeseyn; Sanzio aber hatte mit der Erfindung undZeichnung zu viel zu thun, als daß er sich mit derAusführung beschäftigen konnte; daher arbeiteteer nur das an seinen Bildern, was Jnlio Romanou. a. nicht leisten konnten. Auch war sein Lebenzu kurz, als daß er die Abnahme (altera^ione),der seine Werke ausgesetzt seyn konnten, hatte be-merken sollen,- daher begnügte er sich, dieselbennur leicht, doch mit Sorgfatt zu ritoceireu, undglaub' ich, daß er keines aus seinen Handen ließ,bis er es für vollkommen fertig hielt. Die Del-nialcrei aber hat diese Unbequemlichkeit, daß, wenndie Fettigkeit des Ocls verstogcn ist, der erste
402) Diese Stelle ist. wir gestehen es, für uns so gut
Grund allzeit durchscheint; sobald also die Gemäldealt werden, so verlieren sie den Glanz der erstenHand, und lassen die Farben der ersten Anlegung,und also auch das Fehlerhafte derselben durch-schimmern."
„Aus alle diesem zieh' ich den Schluß, daßRaphael zwar bisweilen gut zu coloriren wußte,in der Oelmalerei aber nicht Uebung genug hatte,daß er zur Seite eines Correggio und Tikian füreinen großen Coloristen konnte gehalten werden.Und wenn er hicnächst in der Freskomalerei alleübrigen Künstler der Römischen Schule übertraf,und den beßten der übrige» Schulen gleich kam,so ist diese Gattung zu »nvollkoinmcn, als daßman ihn vollends auch in Absicht auf dieselbe strengebeurtheilen sollte."
IV. Komposition u. Ausdruck.
„Dieser Theil der Kunst" (heißt es in der er-sten Schrift) «war!väphaels Eigenthum. Beyder Wahrheit erzogen, fand er solche in sich selbst,und fand sie, vereint mit dem Ausdrucke. Er fiengmit der größten Unschuld an, und war zuerst kalt,aber wahr, bis ihm die Reife der Jahre auch stär-kere GelNlithsreguiigcn gab. Sein philosophischerGeist ward nicht von jeder, auch unwürdigen Sa-che gerührt, sondern nur von dem, was Bedeu-tung hakte; er fühlte mehr das Lugendsame alsdas Schlechte der menschlichen Natur / außer (wieman sagt) in einem einzigen Punkt. Er suchte dasBeßte aus dem Menschen heraus; doch konnte erdas Menschlichste nicht ganz, wie die Alten, vonsich legen; der Geist dcr Griechen schwebte gleich-sam zwischen dem Himmel und dcr Welt, Ra-phäel hingegen wandelte nur — aber großherzig,auf dem Erdboden. Die ersten Begriffe des bil-denden Ausdrucks bekam er, da er die Werke desMasaccio und die Cartons von da Vinci sah. Nachdieser ihrer Weise betrachtete er die Natur in ih-rem ganzen Wesen, hauptsächlich aber die Leiden-schaften der Seele, und wie diese den Körper rüh-ren. Wenn er auf ein Bild sann, so dachte erzuerst an die Bedeutung desselben: Was es vor-stellen sollte; alsdann, wie vielerlei) Regungen indem nachzubildenden Menschen seyn könnten, wel-che die stärksten oder die schwächsten dieser Regun-gen wären, in was für Menschen diese oder jeneangebracht, was für welche Menschen, und wieviele, in sein Werk eingeführt werden könnten —wo jeder, nämlich wie nahe oder ferne er von derHauptbedeutung stehen müße, um dieses oder jenesGefühl zu haben; somit, nach ,Alle diesem, obsein Bild groß oder klein seyn würde. Wenn seinWerk sehr groß war: Wie viel die Hauptgeschichke,oder die Bedeutung dcr Hauptgruppen die andernangehen könnte; ob die Geschichte bloß augenblick-lich , oder von Dauer sey; ob vorher etwas ge-schehen, was die jetzige Handlung angehe, undob aus dieser bald eine andere stieße; ob es einesanfte ordeutliche Geschichte, oder eine stürmischeunordentliche oder fröhlich unordentliche, traurigstille oder traurig verwirrte sey?"
„Wenn nun Raphäel alle dieses erst bedachthatte, so dachte er sich vor Allem aus das Noth-wendigste. Daraus richtete er sein Hanptabsehen,und machte sich solches deutlich; alsdann setzte erstuffenweise seine Gedanken auf das Uebrige, im-mer zuerst auf das Nothwendigere vor dem Unnö-thigern fort; und war sein Werk je mangelhaft,so blieb nur das Geringere weg, und das Beßtewar vorhanden, da hingegen bey andern Künstlernoft das Nöthigste fehlt, und die Artigkeiten gerade,m Unnützen gesucht werden."
„Wenn er dann anfieng, auf die einzelnen Fi-guren insbesonders zu denken, so dachte er nicht,wie die Andern, vor Allem aus auf eine schöne
ls unverständlich.