Band 
Zweyter Theil [3].
Seite
71
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Stellung und betrachtete dann erst hernach, ob dieFigur zu seiner Geschichte taugen könne, sonderner überlegte gleich, in welcher Gcmüthsstimmungsich der Mensch befinden würde, wenn er wirklichdas suhlte, was die Geschichte erzählt. Hierauferwog er weiter, wie ein solcher Mensch vor die-ser Regung sich möchte befunden haben, wie sichdieselbe zeige- und was für Glieder er zur Ausfüh-rung seines Willens gebrauche ; diesen gab er als-dann die meiste Bewegung, die andern hingegen-welche hiezu unnütze waren, ließ er ruhen. Daherkömmt es, daß man bey ihm oft ganz gerade undfast einfältige Stellungen antrifft, die doch ebenso schön an ihrem Orte, als die rührender» an eb-nem andern stehn, weil eben jene einfältige Gestaltvielleicht eine Bedeutung hat, welche den innernMenschen, d. h. die Seele angeht, und dagegeneine andere, stark thätige, bloß eine äußere Re-gung darstellt. So gieng Raphael bey jedem sei-ner Bilder zu Werke, bey jeder Gruppe, Figur,Glied und Gliedesglied, bis auf die Haare undGewänder."

»In seinen Geschichtsgemälden zeigt er alle in-nere Regungen. Spricht bey ihm jemand, so siehtman, ob er mit Ruhe in der Seele, oder auf-wallend und im Zorn rede, auch an dem Gesichte;der Denkende zeigt, wie viel oder wenig er denke;bey allen Leidenschaften, welche starken Ausdruckhaben, sieht man, ob es der Anfang, das Mitteloder das Ende der Gemüthsbewegung sey. VonRaphaelv Ausdruck wäre ein ganzes Buch zu schrei-ben; für die Denkenden ist dies genug; für andereschon viel zu viel. Hinwieder sollen auch diejeni-gen sich nicht über mich beklagen, welche glaubenmöchten, daß sie Raphael nicht kennen könnten,sie müßten denn in Rom seyn; ich versichere sie(wenn sie anders je meine Schriften lesen) daßsie Alles schon in den Kupfern von Marc Antoniound Augusttn Veneziano, obgleich geschwächt, fin-den werden, wenn sie nämlich zu denken wissen;finden sie es da nicht, so wurden sie es auch inRaphaels Gemälden und in der Natur selbst nichtgewahr werden, denn sie sind in diesem Stücke zurUnwissenheit verdammt. Mein Schluß ist also:Raphael ist zu seinem großen Geschmack in derBedeutung dadurch gelangt, daß er alles Unbe-deutende und Unnütze wegließ; oder, wenn er esje anbrachte, geschah es da, wo es so nöthig war, wieWasser und Brod bey einem großen Gastmahl."

»Raphael" (so hebt nun die zweyte Schriftan) »war in der Compvfition nicht allein vortreff-lich, sondern eigentlich bewundernswürdig. Diesesist der Kunsttheil, welcher ihm die meiste Ehremacht; er war der Erfinder desselben, weil er we-der bey den Alten noch Neuern kein Muster derNachahmung vor sich hatte. Hätte er mit den er-sinn alles Uebrige in gleich großer Gewalt gehabt,so wäre er ohne Widerspruch der erste Künstler inder Welt gewesen."

» Das Vornehmste nämlich, was man in einemGemälde beobachten muß, ist denn doch wohl dieErfindung, und der Ausdruck der Wahrheit einesGegenstands; und hierin hatte Raphael nichtSeinesgleichen. Keine einzige Figur aus einemseiner historischen Bilder könnte man bey einemandern gebrauchen; der Nachdenkende, der Freu-dige, der Melancholische, der Cholerische, jederist an seiner rechten Stelle angebracht, Nicht nurist Ausdruck in jeder seiner Figuren, sondern auchdas Ganze der Geschichte mit allen ihren Episodenstimmt mit der Leidenschaft der Hauptfigur gleichgut überein. Besonders aber zeigt sich sein großesTalent in der bewundernswürdigen Mannigfaltigkeit,mit welcher er die nämliche Bedeutung (espres-sions) zu verdeutlichen wußte, indem er öfters zueiner einzigen Bewegung viele Figuren, und an-

deremale zu seinem (bezweckten) Ausdruck ei» ein-ziges Glied brauchte; und zwar Alle dies nicht vonungefehr, sondern Zgenau, wie es die Wahrheitund Würde seines Gegenstands erforderte. Da-her findet sich in seinen Werken eine solche Ver-schiedenheit ohne Widerspruch, Heftigkeit der Lei-denschaften, ohne ins Gezwungene oder Niedrigezu fallen, und mit einer Bedeutung, die, wie wirschon einmal gesagt, bisweilen in der Rührung ei-nes einzigen Fingers, und in der Wirkung liegt,welche eine Gemüthsbewcguna auf die Sehnen derGlieder macht. Vieles wußte er durch den Ge-brauch am rechten Orte schön darzustellen, was,unrecht angebracht, ein großer Fehler seyn würde.Kurz, zwischen einem Bilde von Raphael und sonstjeden andern Malers waltet der Unterschied, wiezwischen einem wirklichen und einem Thcaterhelden;auch dieser kann durch Anstrengung alle Handlun-gen und Bewegungen seines Urbildes nachahmen,aber sicher nicht so natürlich, wie sie solches beydem letzter« sind, der durch innern Antrieb han-delt. Alle Andern wußten nie die richtigen Bewe-gungen zu finden, welche die Seele im Körperhervorbringt, noch erwogen sie, wie jedes Aeußerstefehlerhaft ist, und alles Uebcrtriebene einen Men-schen ohne Urtheilskraft anzeigt. Daher verwan-delten sie einen Erzürnten in einen Rasenden, undden Gemäßigten in einen Empfindungslosen."

, »Jene so schwere Mittclstraße aber laßt sich nurauf dem Wege finden, welchen Raphael einschlug,was aber eben nur dem großen Geiste vergönnt ist,welcher nichts unbemerkt, unerwogen und unüber-legt laßt; denn gerade ein solcher Geist muß einMaler seyn, und Nicht, wie man gewöhnlich glaubt,ein Feuerkopf. Ganz falsch ist es, daß die Ma-lerkunst bloß ein lebhaftes Genie erheische; vielmehrfordert sie einen Verstand, der nicht bloß Gutesund Schlechtes zu unterscheiden, sonder» auch alleFolgen wohl zu begreifen weiß; überdies dann eingefühlvolles Herz, auf welches dieLeidenschasten^z)und Lugenden leicht Eindruck machen. Ein solcherGeist war ohne Zweifel Raphael, wie hätte ersonst in seine Werke eine solche Mannigfaltigkeitbringen können? Nothwendig mußte er sich selbstin die abwechselndsten leidenschaftlichen Gemüthsla-gen zu versetzen, und sich die Handlung einer Per-son in jeder derselben mit großer Klarheit einzu-bilden wissen, um solche in seinen Gemälden dar-zustellen. Und zwar mußte er solches durch eigenenVerstand thun; denn wer es nur durch den vonAndern erborgten, mit noch so viel Anstrengungthu» will, wird einen Körper ohne Seele malen,auf den Beschauer niemals den nöthigen Eindruckmachen, noch dessen Einbildungskraft aus den Graderwärmen, daß er sich die abgebildete Handlunggehörig vorstellen kann." -»Zu diesem End aber hatte er einen sichern,und von demjenigen anderer Maler ganz verschie-denen Weg eingeschlagen. Letztere richten ihreganze Aufmerksamkeit aufs Cvmpvniren und Grup-piren jeder einzelnen Figur nach den Regeln derKunst, und zumal der Kontraste; er hingegen fienqdamit an, das Ganze seiner Gejchjchtc und denallgemeinen Charakter des Ausdrucks zu überlegen,den dieses Ganze erforderte; alsdann dachte ererst an jede Figur insbesondcrs, und setzte keinehin, ohne zuvor wohl zu bedenken, was sie beutensollte. Hierauf hob er an, den Gliedern, welchenach den Regungen der Seele handeln mußten,ihre natürliche Positur zu geben, und ließ diejeni-gen, welche hieran keinen Theil hatten, mehr undweniger in völliger Ruhe. Sorgfältig beobachteteer den für jede seiner Figuren angemessensten Cha-rakter; wußte, daß ein tugendhafter Mann in al-len Dingen Mäßigung zeigen, und ein Philosophoder ein Apostel sich nicht die nämliche Bewegung,

4<>Z) Warum nicht?