wie ein Soldat geben muß. Auf diese Weise verstand aber, wohl des Fechters wegen, so zahlreich er-er r- B. die schöne Einfalt des Geistes, die An- scheinen; die weiblichen Figuren hingegen sind sehrdacht — kurz jede innere und äußere Regung des gemein 404). Ucbcrhaupt vernachläßigte Poussin Gemüths anzudeuten. Ich nenne innere Regungen die Hauptsachen, und die Episoden sind das Schönstediejenigen, welche die Malerei durch die kleinern in seinen Werken. Raphaels erhabene Ideen hatteTheile und leicht beweglichen Gliedmaaßen, wie z. er nicht; er wollte gelehrt scheinen, und erweckt denB. die Augen, die Stirne, die Naselöcher, den Verdacht, daß er mehrere seiner Bilder eigens ge-Mund, die Finger, überhaupt durch die Er- malt habe, um das, was er bey den Alten gese-tremitaten ausdrücken muß, weil an ihnen die erste hcn oder gelesen hatte, wieder auszukramen. AdelRegung der Leidenschaften sichtbar wird; äußere und Grazie fand sich ebenfalls minder bey ihm, alshingegen heiß' ich diejenigen, die alle Schranken bey Raphael; wo er nach dem erstem zielte,durchbrechen, und alsdann den ganzen Körper in ward er kalt, und, wenn er graziöse scheine»
Bewegung setzen." wollte, wurde er gemein. Sein Ahasverus ist
„Raphael war sehr bedacht daraus, keine vol- der Frost selbst ; die Esther ist schön, aber Statue,
lendete Handlungen, d. h. solche darzustellen, die und die Madchengruppe, die sie unterstützen, zu
der Mensch auszuüben nicht mehr umhin kann. So symetrisch, und das, was sie thun wollen, schonz. B- wenn er einherwandclt, und einen Schritt vollendet; die Figuren zur Seite endlich, scheinengethan hat, so kann er, um einen zweyten zu thun, ihre Bewegungen, wie Soldaten ihr Erercitiumnicht anders , als wieder von vornen anfangen; gelernt iu haben. Nur im Ausdrucke gewöhnlicherallein diese Positur wird in einem Gemälde nicht Figuren und gemeiner oder heftiger Charaktere istden belebten Effekt mache», wie hingegen, wenn Poussin vortrefflich. Dann sind seine Hintergründeman ihn erst im Begriff sieht, den Schritt zu sehr schon, und besteht überhaupt sein Vorzug invollenden; weil in letztem, Falle der Zuschauer sich dem, was man Oekvnomie eines Bildes nenneneinbildet, daß er in dieser Positur nicht bleiben kann, d. h. in richtiger Vorstellung des Orts, wokann, sondern den Schritt wirklich thun muß. die Handlung vorgeht, und wo die Personen stehenEine Person, welche etwas wirst, nimmt oder giebt, müßen, ohne sich viel um die Zusammensetzung Ler-w>rd in einem Bilde bessere Wirkung thun, als selben zu bekümmern."
eine andere, welche die gleiche Sache schon gcgc- „Domenichino hatte viel Ausdruck und Zeichnung,ben, genommen oder geworfen hat, eben auch, und dies war seine Hauptsache (tutto il 8 uc> ca-wcil in letzten» Falle die Handlung vollendet ist, pimle). Aber von welcher Art der Ausdruck sey,und die Person nunmehr ohne Beschäftigung bleibt." den er allen seinen Köpfen gab, kann man nicht„ Dann besaß Raphael noch die, nur Wenigen be- recht begreifen, es müßte denn etwa derjenige derkannte, verborgene, schwere Kunst einer anschei- Schüchternheit seyn, den er überall anbrachte, esnend nachläßige» Leichtigkeit; und überdies noch mochte sich schicken oder nicht; somit ist es ehereine zweyte, ein Glied, eine Hand, einen Fuß zu Manier als.Ausdruck zu nennen. Eine solche Schüch-verbergen — nicht etwa, daß er sie nicht sehr gut tcrnheit schickt sich aber bloß für Kinder, bey wel-zu machen gewußt hätte, sondern bloß um keine chen man wenig Kraft und Mannigfaltigkeit an-müßigen Theile zu zeigen, oder aus Bcsorgniß, trifft; und bey der Darstellung von diesen hat Do»den Hauptthcilen etwas an ihrer Schönheit zu bc-> menichino wirkliches Verdienst, sonst aber ist ernehmen, bisweilen auch bloß, um rohe Formen, überall kalt und eintönig. Viele seiner Ideen sinddie an einer gegebenen Stelle daraus entstanden niedrig und gemein; zudem wiederholte er sich oft,wären, zu vermeiden." und hat seine Lieblingsgegenständc, die überall zum
»Einige werden sich vielleicht wundern, daß ich Vorschein kommen. Um eine vollkommen ausdrucks-Raphael in der Cvmpvsition allen übrigen Künst- volle Composition zu habe», könnte man endlichlern vorziehe. Hier sind meine Gründe." sagen, daß Raphael dazu die Figuren, pouffiir
„Dieser Kunsttheil ist nämlich von zweyerley Art. die Hintergründe und Beywerke, und Domen,-Raphaels Composition ist ausdrucksvoll, und in chino die Kinder hätte liefern.müßen. Den wich-dieser Art könnte ein Poussin und Domenichino, tigsten und trefflichsten Theil somit, muß man demneben ihm, auch noch seinen Platz finden. Die Unsrjgen zugestehn."
zweyte Art geht einzig auf den Effekt los, d. h. „So weit nun die erste der oben genanntensie richtet ihr Hauptabsehen dahin, ein großes Bild Arten von Composition die zweyte, welche ich Ef-anqenehm mit Figuren auszufüllen. Von dieser fekt genannt habe, übertrifft, so weit ist RaphaelArt war Lanfranev der Erfinder, und Peter von über diejenigen Künstler erhaben, welche bloß die-Cvrtona der große Beförderer. Beyde hinterließen ser letzter« kundig sind; denn ihnen fehlt der Haupl-der Nachwelt eine Menge Beyspiele in diesem Ge- »ud wesentlichste Theil der Kunst, die Wahrheit,
schmack, der ben Augen der Menge gefallt, den Sie wissen die Seele der Zuschauer niemals dauer-
Klugen aber, wenn es gut geht, gleichgültig ist." haft zu beschäftigen; denn bey jeder Art Vorstel-
„ Raphael aber zieh' ich darum allen An- lung sind ihre Figuren und Charaktere immer bie-
dern vor, weil er nichts ohne Ueberlegung gethan, selben. Solche Bilder können keinerlei) sittlichenie in niedrige Ideen verfiel, und die Schönheit Wirkung hervorbringen, was doch der Zweck de§selbst nie an Nebensachen verschwendete, sobald Ausdrucks in der Malerei seyn soll, welche unssolche die Aufmerksamkeit von der Hauptfigur ab, ohne Müh' und sogar mit Lust die Tugend lehren,und auf sich zog. In diesen Fehler gerieth Poussin und sie in unsern Herzen anfeuern muß."zum öfter,,. So z. B. in seiner berühmten Ehe- „Möchte man etwa sagen, daß die macchinosenbrechen», das, ohne die Nebensachen, ein ganz Maler, wie Lanfranco und Cortona , sich freylichgemeines Bild wäre. Der Christus ist ziemlich nicht einer genauen Wahrheit unterwerfen können,schlecht gerathen, und anstatt daß er aus den An- und zwar eben weil das Feuer ihrer Compositionkiagern zwar ein Grupp von angesehenen Männern, sie außer die Grenzen einer acwiffenhaften Genauig-dann^aber aus dem erstern eine» göttlichen Rich- keit treibt, so sieht doch jederman leicht ein, daßter hatte bilden können, so richtete er dafür seine ein Bild von hundert Figuren, eben so gut alshauptsächliche Aufmerksamkeit gerade auf die un- eines von zehn, der Wahrheit treu zu bleiben schul-bedeukenbsten Personen des ganzen Gemäldes. Eben big ist. Jener Grund kann somit bey Dernünfti-so in leinen, Pyrrhus sind der Hintergrund und die gen keinen Künstler entschuldigen, und zwar umentfernter,, Fignreii jenseits desFlusscs das Schönste; so viel weniger, da ich hier bloß von der Wirkungeben so die Soldaten auf dem Vordergrund, welche der Erfindung, nicht von demjenigen Effekt spreche,
404) Hier thut Mengs dem Künstler offenbar Unrecht, wenn man anders aus Audran's schönem Blatt aufdas Urbild schließe» darf.