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war die Nase vierseitig, und die Wangen wie siesich für beyde schickten; und eben dies ist bey ih-nen merkwürdig/ daß man aus einem Theil desGesichts ihrer Bilder den Charakter alles klebrigenerkennen konnte. Diesen Vor;ug besaß Raphaelnicht; will man aus einem seiner Köpfe die Nasehinwegnehmen, so kann man ohne Unschicklichkeiteine andere an ,hre Stelle setzen. Seine H. Jung-frauen haben alle eine heitere Stirn; dadurchglaubte er ihren Adel und ihre Sittsamkeit zu be-zeichnen: Das Gleiche findet sich an den Töchternder Niobe; allein Raphael that es seinerseits desAusdruckes, nicht der Schönheit wegen. Hatte erdas schöne Ideale gekannt, so würde er die Stirnmit der Nase durch einen sanften, nicht so über-trieben starken Einbog vereint haben; da er aber,wie gesagt, nur den Ausdruck im Aug hatte, ver-säumte er darüber alles Ucbrige. Die Wangender erwähnten Bilder gestaltete er rundlicht, umihnen ein jugendliches Ansetzn zugeben; alleiwdie-ses stimmt wieder nicht mit der Wahrheit sicherem,weil die Stirn bey einer Person, welche fleischiateWangen hat, durch die Starke (pel volume) derMuskeln in mehrere Abschnitte (vsrie p»rti)getheilt wird (?)- Der Mund seiner Madonnenendlich hat immer etwas sanft Lächelndes an sich,um die Liebe und Unschuld der Jugend zu bezeich-nen; was sich indessen abermals mit der Schönheitnicht verträgt. Dasselbe könnte man von dem Aus-drucke der Bescheidenheit sagen, den er in dieAugen legte."
„Aus alle diesem zieh' ich nochmals den Schluß,daß rvaphael nicht in der Schönheit, sondern bloßim Ausdruck das Ideale kannte. Wem meineGründe nicht genügen, den frag' ich: WarumRaphael nicht sv-schöne Engel malte, wie sie seynsollten, da es doch ideale Figuren sind, bey derenErfindung die Einbildungskraft des Künstlers freyenSpielraum hak t Oder warum er die Venus undGrazie nicht wie die Alten bildete, oder doch ineinem Geschmacke, der dem ihrigen nahe kömmt?Alles ohne Zweifel daher, weil, wo er keinen star-ken Ausdruck anbringen konnte, er ein bloßer Nach-ahmer der Natur war; woraus ich denn endlichschließe: Daß er immerhin einen auserlesnen aberdoch wenig idealen Geschmack in der Zeichnunghatte; noch.weniger im Kolorit, und im Helldun-kel gar nicht, dafür aber desto mehr in der Zu-sammensetzung und im Ausdrucke; dann auch inder Symmetrie der Körper gewisser Figuren ; undendlich, daß er einer sehr schönen, obgleich nichtgenug abwechselnde» Drapperie die Bahn geöffnethabe 407).
VI. Drappene.
Nur die erste Schrift enthält einen ausführlichenAbschnitt über diesen Gegenstand, subsianzlich, wiefolgt:
»In Falten folgte Raphael anfänglich feinemMeister; alsdann besserte er sich durch das Stu-dimn von Masaccio , und noch mehr durch dasje-nige des Fra Bartolomäo; endlich aber verließ erhierin ganz den Styl seiner Meister, folgte denAlten, legte seine Gewänder nach ihrer Weise an,und fand so den beßten Geschmack in der Drappe-kic. Er sah nämlich, wie die Antiken das Gewandnicht als Haupt-sondern als Nebensache behandelt,das Nackende damit bekleideten, nicht darein ver-steckten; ihre Figuren nicht mit Lappen, sondern mitwirklich nutzenden Gewändern bedeckten, welche nichtso klein wie Handtücher, oder so groß wie Bettde-cken, sondern nach jedes Bildes Stand und Ge-schäften beschaffen waren; sah, wie sie die großen
Falten aus die größer» Theile des Körpers legten,dieselben nicht mit Kleinigkeiten durchschnitten, und,wenn sie letzteres etwa nach der Natur des Zeugesthun mußten, solche Fairen so wenig gehöhl, undso klein machten, daß sie keine Haupttheike bedcil-ten konnten. So waren auch Raphaels Gewän-der immer groß, hatten an Falten nie tteberfiuß,und ihre Brüche fanden sich nur an den Orten derGelenke, ohne jemals das Bild ganz zu durch-schneiden ; somit richtete er ihre Form nach demNackenden, welches darunter lag: War der Theiloder die Muskel groß, so bildete er auch einegroße Masse; wo der Theil sich engte oder ver-kürzte, machte er eben so viele Falten, wie aufdem geraden gewesen waren, nur alle ebenfalls inVerkürzung. So beobachtete er auch in ftinrrbeßten Zeit, daß überhaupt ein Glied in einemweiten Gewände nur auf einer Seite angedeutetwerden darf; doch bezeichnete er es auch bisweilen aufbeyden Seiten, aber alsdann ebenfalls mit weitenFalten. Wo endlich das Gewand völlig frey, b.h. nichts darunter war, hütete er sich wohl, einerFalte die Größe oder Form eines Gliedes zu ge-ben, sondern er bezeichnete sie bloß durch großeOeffnungen 408), tiefe Brüche, und eine irgendeinem Glied ganz unangehörige Form. Nie rafftecr in seinen Gewändern alle Falten zusammen, nurum auch schone anzubringen, sondern wählte bloßdie, welche zur Bezeichnung des darunter befindli-chen Nackten nöthig waren; auch bildete er dieFormen derselben so verschiedentlich, als es dieMuskeln des Menschen sind, doch keine wederviereckigt noch rund. — Denn zumal die viereckigteForm (es sey denn, daß sie zertheilt sey und zweyTriangel ausmache) ist in Falten unleidlich. Sohat er auch die Falten aus den nähern Theilen sei-ner Gestalten großer gemacht als die entferntem,auf einen verkürzten Theil keine langen Falten ge-legt, und auf einen langen keine von kurzen Trian-geln ; tiefe Falteneinschnitte finden sich bey ihm nurauf dem Hohlen (den Einbiegungen), nie zweyFalten weder durchs Helldunkel in ihrer Erhöhung,noch durch die Zeichnung in ihrem Umrisse — vongleicher Form, Größe und Starke neben einander.Seine fliegenden Gewänder dann sind bewunderns-würdig schön, und sieht man an ihnen, wie sie eineallgemeine Ursache ihrer Regung haben, nämlichdie Luft; sie sind nicht wie andere gezogen, oderdurch irgend eine Last gedrückt, sondern jede ist nurdurch ihre (freye und natürliche 409)) Eigenschaftgegen einander gestellt. Die Ränder srnicr Ge-wänder hat er hier und da erblicken lassen, «m zuzeigen, daß sie nicht in Säcke gehüllt sind. AlleFalten haben bey ihm ihre Ursache, sey es nundurch ihr eigen Gewicht, oder durch die Ziehung,die von den Gliedern herkömmt. Manchmal siehtman an ihnen, wie sie vorher gewesen (und auchhierin hat cr eine Bedeutung gesucht); so z. B.ob ein Betn oder Arm vor dieser Regung vor oderhinten gestanden; ob das Glied von der Biegungzur Ausstrcckung gegangen, oder geht, oder vondieser zu jener. Auch in dem Hauptwurfe der Ge-wänder hat er beobachtet, daß solche die Glieder,wen» sie dieselben halb decken, halb nackend lassen,quer durchschneiden, auch überhaupt die Gewänderdreyeckigke Fornken ausmachen, die Falten aber ebenso wie das Ganze, nämlich in Triangeln liegen.Die Ursache hievon ist, daß ein Gewand allezeit;» einer Ausdehnung zielet; wenn es also auf einerSeite gezwungen wird sich zusammenzuziehen, sobreitet es sich auf der andern ane, wodurch denneben Triangel entstehen."
„Wenn ich nun gesagt, daß Raphael, gleich
407) S. über diese» letztem Punkt den gleich folgenden Abschnitt.
4«8) Augen, in der Urschrift; d'Aznra gl'tbt'ö: sxerture.
409) s.iber- e natur-l«.wie h'Asarn zu besserer Verdeutlichung hinzusetzt.