den Alten, die Gewänder als Nebensachen be-trachtet, so heißt dieses so viel: Da er erkannte,daß der Mensch den sie bedecken, und die Regungseiner Glieder, die einzige Ursache der Lage undabwechselnden Falten von jenen sind, so hat er siezu dieser ihrer Ursache zurückgeführt, nach ihr ein-gerichtet, und für nöthig erachtet, Mühe und Wahlan ihnen zu verstecken, oder solche wenigstens un-scheinbar zu machen."
VH. Harmonie.
Auch über diesen Gegenstand lesen wir nur inder frühern Schrift folgendes Weniges:
»Fast könnt' ich hier über Baphael schweigen.Da er nie besonders auf die Gefälligkeit, sondernnur auf die Bedeutung bedacht war, so hat erauch in der Harmonie wenig geleistet; und wennsich etwas davon in seinen Werken findet, so ist esmehr bey Untersuchung und Nachahmung der Na-tur, als durch wirkliche Kenntniß dieses Kunsttheilsdarein gekommen."
Nun noch Mannigfaltiges aus verschiedenen kür-zern Mengsischen Aufsätzen, welche theils inAzzara's Sammlung der schriftstellerischen Werkeunsers Künstlers, theils in der panzersicher, Ue-bersetzung derselben, aus vorher unbekannten Hand-schriften desselben sich befinden.
Seine erste Manier war, wie die s. Lehrmeisters,Perugino , ganz trocken. Seine zweyte, die er zuFlorenz abänderte, ist bloß durch die Kupfersticheaus dem Leben der Psyche bekannt, wofür er dieZeichnungen für seinen Freund Ghirlandaio zu Flo-ren; verfertigte, und einige Gemälde, die sich inder dortigen Gallerte befinden. Seine dritte istdiejenige, mit welcher er zu Rom im Vatikan zuarbeiten anfieng, bey dem Gemälde des Sakra-mentstl-eits und der Schule von Achen. Hier-auf erweiterte er seine Manier nach Art des M.Angel», zu welcher Zeit er die Gemälde von He-liodor, voiii Attila, vom Münder der Messe,und endlich den Burgbrand verfertigte. Da dieseletztere Manier 4,0) damals stark beurtheilt wurde,so verlor er die Lust, den M. Angelo nachzuah-men, und nahm den schönen Geschmack an, derihn von allen andern Malern unterscheidet. Hier-aus machte er das Meisterstück der Transfigura-rion, welche deutlich beweiset, daß er zum Kolo-rit und Geschmack zu malen (?) eben so vielGenie hatte, als jeder Andere. Allein Alle über-traf er an Majestät und gutem Geschmack in derZeichnung; der Theil des Ausdrucks aber gehörtihm ganz allein 411).
»Noch ehe Raphael sein erstes Bild im Vati kan ( den Sakramentsstreit) vollendet hatte, ver-größerte er schon seinen Styl. Das zweyte (dieSchule von Athen) fieng er nach eben den Ideenund Grundsätzen an, nach welchen er das erstegeendigt hatte. Alle Theile, welche der Kunst,nach M. Angelo, noch hinzugefügt werden konnten,finden sich da beysammen: Composition, Erfindung,Ausdruck, Drappirung, Mannigfaltigkeit der Cha-raktere, jede Kenntniß und Feinheit der Kunst,sind hier mit bewundernswürdiger Leichtigkeitausgeführt. Jetzt setzte er das Ausmalen der übri-gen Zimmer fort; mnd als er des ersten Theils
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von M. Angelv's Decke der Sirtiiia ansichtig ward,schenkte er damals demselben seinen ganzen Bey-fall. Man sagt zwar, baß Raphael den Cartonzu seiner Schule von Athen schon früher zu Flo renz studirt habe; allein, wenn auch dieses wahrseyn sollte, so war doch der Styl, den er dort 412)lernen konnte, nicht derjenige, welcher dem zartenCharakter des Urbinaten zusagte, der freylich da-mals selbst noch immer einige Harten von seinemLehrmeister Perugino an sich trug. Uebcrdem warauch dieser Styl bey Bildern von der Größe der-jenigen, die er nun im Vatikan malte, nicht mehrzu gebrauchen. Ucberhaupt aber konnte M. An-gel» dem Unsrigcn erst damals gefallen, als erdas Werk der Sirtina vollendet und allmahlig et-was mehr Leichtigkeit und Anmuth gezeigt hatte.Aus Buonaroti's großem, und aus seinem eigenenreinen und geregeltem Style dann setzte Sanzioeine dritte Manier zusammen, in welcher er fort-hin arbeitete.
Die erste Frucht dieses neuen Styls war derProphet Jesajas, der sich an einem Pfeiler in St.Augufiin zu Rom befindet; derselbe hat alle Gran-diofitat der Propheten in der Sirtina, nur mitdem Umschied, daß in dem erster» alles Künstlichedieser Größe versteckt liegt, in den letzter» hinge-gen die Absicht des Künstlers allznsichtbar ist. Indem nämlichen Styl malte er die Sibyllen allaPace, die in ihrer Art nicht vortrefflicher seyn kön-nen, und so auch alle übrigen Werke, die von sei-ner eigenen Hand sind", u. s. f.
Bald darauf heißt es noch einmal: »Unter denNeuern war er der Einzige, der alle die wesent-lichsten Erfordernisse der Kunst zugleich besaß, unddem, um den Alten zu gleichen, nichts weiterfehlte, als der Styl der Schönheit, den er nunfreylich, weder von den Schulen seiner Zeit, nochvon der damaligen Denkart (6a' co8tumi 61 »I-lvra) sicher nicht lernen konnte." 41 z)
In der trefflichen Beschreibung von RaphaelsKreuztragung (8pasimo 6i 5 icilia) in Spanien ,sagt Meng« von unserm Künstler überhaupt 414):
»Mir scheint es »»gezweifelt, daß der kdelsteTheil der Malercp nicht derjenige ist, der alleindie Augen belustigt, und Unwissenden ein Kunstwerkangenehm macht, sondern daß diejenigen Theileweit schätzbarer sind, welche den Verstand und dieVerständigen befriedigen. Wenn es nun dem soist, so muß wohl Raphael der größte Maler un-ter Allen seyn, deren Arbeiten bis auf uns gekom-men find. Seine Gedanken und Erfindungen ge-ben uns nämlich schon beym ersten Anblicke denvollen Begriff, den er in dem Verstände des Be-schauers erwecken will. Es mag nun sein Gegen-stand ruhig oder stürmisch, roh oder zärtlich, mun-ter oder schwermükhig seyn, nie wird sein Bild et-was enthalte», das seinem Begriff, und dem voll-kommenen Ausdrucke desselben zuwider wäre. Da-durch rührt er unsere Seele, und erwirbt sichüber dieselbe eben die Herrschaft, wie solches »urje ein Dichter oder Redner thun könnte."
„Ueberdies findet man in jeder seiner Figurenimmer dasjenige ausgedrückt, was der Handlung,in welcher sie geschildert werden, vorhergieng; undeben so gleichsam auch das, was ihr nachfolgenwird. Eine ganz geendigtc Handlung sieht manbey ihm niemals, sondern stets eine wenig mehrals begonnene oder dem Ende ganz nahe; undeben dieses giebt seinen Personen ein solches Leben,
4-0) Oder auch dies letztere Bild.
411) von den verschiedenen Schulen der"Malerey (aus einer Handschrift von Mengs in der deutschenllebersetzung s. Schriften Th. l. S. - 5 >)
4--) Auch von M. Angelo selbst, der den (einigen, während der Arbeit in der Sirtina iinmerju verbesserte.
4>Z) Oetters ropon il principio, xrogresso e grossen?» seil' /rti sei sinegno. Opsrs 1. I. p. nZ— ,6.
4>4) Opeoe ll! ll. p. 76 — 77 .