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daß sie> bey aufmerksamer Betrachtung/ sich zu be-wegen scheinen."
Noch an einer andern Stelle 415) sagt er:„Wohl zu bemerken ist es/ daß die vollkommeneEi'siiidung nicht bloß in einem schönen und demGegenstand angemessenen Gedanken / sondern injener Einheit einer ausgeführten Idee bestehe/ diezuerst den Verstand des Künstlers/ und alsdannauch des Zuschauers/ von der ersten Anlage anbis zum letzten Pinsclstrich beschäftigen muß/ wo-durch denn eben am End des Werkes die Einheiterhalten wird."
„Viele andere Künstler, die der gemeine Haufeder Dilettanten fün Erfinder halt, verwechseln alleAugenblicke die Erfindung mit der Compvsition.Die erstere indessen ist die wahre Poesie eines Bil-des, das schon in der Seele des Künstlers vor-handen ist, als ob er den Gegenstand desselben zu-vor gesehen, oder denselben noch wirklich vor Au-gen hätte. Die Zusammensetzung hingegen bestehtim Zusammenordnen alles dessen, was sich derKünstler bey seiner Erfindung gleichsam zubereitethat. Jene Verwechslung nun führte zu dem irri-gen Wahn, daß Erfindung und Zusammensetzungkeine höhere Absicht habe, als durch Mannigfaltig-keit der Gegenstände, durch mannigfaltige Wendun-gen und Contraposten die Augen zu befriedigen; sobaß man darüber den wichtigsten Theil der Erfin-dung , nämlich'die Bedeutung (den Ausdruck)vergcße."
„Einige Unwissende durften behaupten, daß Ra-phael des Kunstthcils der Zusammensetzung nichtMeister war. Diese mögen wohl irgend eine kleineMadonna, aber wohl sicher nicht weder seineStanzen, noch seine Cartons, die Tapeten nachdenselben, oder seine Kreuztragung zu Madrid ,auch nicht einmal gestochene Blätter nach diesenMeisterwerken gesehen haben; sonst würden wir siefragen: Welcher Maler denn verstand besser, alleTheile seiner Zusammensetzungen in'S Gleichgewicht,seine Gruppen in Pyramide 4:6), und die Glie-der seiner Figuren in contrastirende Bewegungen,mit solcher unendlicher Mannigfaltigkeit zu bringen,daß in seinen göttlichen Werken Alles zu athmenscheint ? Wer kannte besser die richtige Zahl derPersonen, aus denen jedes Geschichtsbild bestehen,und die Stelle, welche jede derselben einnehmensollte, damit keine müßig oder unnütze wäre ? Be-diente er sich heftiger Bewegungen nur selten undmäßig, so geschah es gerade deswegen, um dieLage der Seele jeder Person mit dem angemesse-nen Ausdrucke vor Augen zu stellen, da cS ja ge-gen alle Wahrheit verstößt, daß ein im Denkenvertiefter Mensch ebendieselbe Gebährde, wie einKampsender, Laufender, u. s. f. annimmt. Ebenso ist das Edle von dem Gemeinen, das Alter vonder Jugend, jede Verschiedenheit ihres natürlichenoder beyfälligen Zustands in einer guten Composi-tion wohl zu unterscheiden, und macht eben diesesUnterscheiden einen Theil der Erfindung aus; wiesolches niemand besser als Raphael verstand."
Weiter, wo von Raphaels trefflicher Zeichnungdie Rede ist 417), heißt es: „Und wenn er indiesem Kunsttheil auch nicht die volle Schönheitgriechischer Bildsäulen erreicht hat, so lag die Schuldtheils in der so ganz verschiedenen Denkart undden Sitten der Zeit, theils in den ganz andern
4-5) l. c. p. 80 .
Gelegenheiten und Gegenständen, bey und an wel-chen er seine Talente übte. Denn hatten auch dieAlten einen Gcrichtsfchergen an der Seite einesChristus zeichnen müßen, so hätten sie es wederdeßer noch anders, wie er, gemacht. Wenn dasEbenmaaß der Statur des erster« dasjenige einesrohen und groben Menschen seyn muß, so wärees sehr unschicklich, an dessen Platz eine eleganteFigur, wie z. B. des Bvrghesischcn Fechters hin-zustellen , der die Aufmerksamkeit mehr als dievon Christus selbst auf sich ziehen würde; wiesolches bey dem berühmten al Fresko von Dome-nichino in St. Grcgvrio zu Rom der Fall war,wo jederman den Schergen, der den Heiligengeißelt, mehr als diesen selbst bewundert, der dochder Held der dargestellten Geschichte sey» soll. Werindessen auch bey den Antiken ein Beyspiel vonnicht immer schönen Charakteren bemerken will,der sehe den Schleifer zu Florenz , an dem mandie Schönheit eines Ringers, oder jenes berühm-ten Fechters, ebenfalls vergeblich suchen wird. InRaphaels Zeichnung wird man somit den nämli-chen Geist, der bey den Alten weht, finden: Daßer ^nämlich alle wesentlichen Theile des menschlichenKörperbaues mit Klarheit und Genauheit zu be-zeichnen, und dagegen alles Ueberflüssigc und Un-bedeutende so gut als unsichtbar zu lassen wußte;was aber vollends die meiste Bewunderung er-weckt, ist, daß der Ausdruck seiner Personen im-mer der Handlung, welche sie darstellen sollen, soganz entspricht, baß man wirkliche Menschen zuerblicken glaubt, welche nicht zufälliger Weise,souder aus wirklichem Triebe dasjenige thun, wasder Künstler sie thun läßt; und zwar bemerkt mandieses nicht allein aus ihren Gesichtszügen, auswelchen man sonst den Gemnthszustand der Men-schen zu erkennen pflegt, sondern auch an allenFormen des Körpers und seiner Theile."
In seinem: praktischen Unterricht in derMalerei sagt er 418) an einer Stelle:
„Große Maler haben zwey ganz verschiedeneWege eingeschlagen. Einige nämlich haben alledie Theile verworfen, die zu ihrem Zwecke nichtunumgänglich nöthig waren, und dadurch das,was sie bemerkbar machen wollten, desto mehr indie Augen fallend gemacht. Andere hingegen ha-ben,alle bedeutungsvolle Theile aufgesucht, und siemit bcsonderm Nachdrucke bezeichnet, um vondem, was sie andeuten wollten, den klarsten Be-griff zu geben. Unter den ersten ist der vornehmsteEorreggio, unter den zweyten Raphael. Beydebrachten, jeder durch seinen Styl, die Kunst zuräußersten Vollkommenheit. Denn, nach meinerMeynung ist wohl das Höchste, was man darinerreichen kann, dieses: Daß 419) eine bemalteTafel, wie durch einen mehr oder minder trübe»oder matten Oppannato) Chrystall erscheine."
Noch an einer andern Stelle eben dieses Un-terrichts 420) dann heißt es:
„Raphael würde im höchsten Grad elegant ge-worden seyn, wenn er sich ein wenig gerundetergehalten, d. h. in einigen Theilen seine geradenLinien nicht zu sehr verlängert hätte; dafür warer in dem Verhältnisse der Mannigsaltiakeit seinerLinien vortrefflich, und ohne jene Unvollkommenheit
4>6) Eine Composition ins Gteichnewicht bringen heißt nämlich die Gegenstände derselben so ausspenden, daßkein Theil des Bildes leer. nnd hinwieder keiner überfüllt sey, und daß dabey diese Ausspendung natürlichund ganz ungezwungen erscheine. Das pyramidiren der Gruppen dann besteht darin, daß sie zusammenein Ganzes bilden, dessen Grundfläche breiter als die Spitze; in jeder andern Gestalt, sey sie geradelinicht,zirkelförmig, oder wie sonst immer, thun sie eine häßliche Wirkung.
4 , 7 ) l. c. p. 83.
4l8) Opere 1*. II. P. 242 — 4Z.
4 - 9 ) Wer versteht nun das?
420). l. «. x. 297.