sten um 4r6): Dieser ist das anmuthigsie BildjuqrNdlichrr Gntmüthigkrit, Unschuld und Einfalt,blühend von Farbe; llchkbraune Locken hangen ihmvon der Scheitel herab; er sieht bewegt und er-staunt zu, und offner die Lippen, wie zum Spre-chen und dem andern zu antworten. Der dritteist jünger, noch kaum über die Jahre der Kindheithinaus und hat den ungemischten Ausdruck vonAufmerken und Begierde zu sehen was vorgeht:Der nächste hat am meisten Jahre und Unterricht;die Hand auf der Brust, scheint er die Hostie zuverehren, und das Wunder gläubig anzuschauen."
„In dem Hansen des Volks, womit die Mo-tive allgemeiner und einförmiger sind, ist die Ab-wechslung und zarte Verschiedenheit des Ausdrucksnoch mehr bcwundernswerth. Von den beydenMännern, welche erhöhet auf einer Art Bühnestehen, macht einer den ander» auf das was ge-schieht aufmerksam; dieser überlegt mit tiefem Nach-denken. Unten drückt eine Figur, von deren Ge-sicht man wenig sieht, mit aufgehobener Hand,ihre Verwunderung aus: Ein Jüngling mit schlich-ten ganz schwarzen Haaren, und etwas starkenKolorit, als ob er viel der Sonne ausgesetzt ge-wesen, ehrlich, überaus sanft und gutmüthig, schlägtsich gläubig, mit der einen Hand, die Brust, inder andern die Mütze haltend; er giebt der Handeines äußerst Verwunderten, der hinten ihm sieht,laut wird, und aufschreyt, nach, da ihm derselbe,um besser sehen zu können, den Kopf auf dieSeite schiebt; über die Schulter des letztern schautwieder ein Anderer, mit äußerster Aufmerksamkeit,herüber, neugierig auf das was geschieht, undhalt sich an seinen Vormann an. Ein Bauer mitkurzem Bart und schlichten, an den Enden gelock-ten Haaren, dessen starke nerrigte Arme, hoheBackenknochen, eingefallene Muskeln, nebst demGewand seinen Stand anzeigen, betet an. Einealte Frau halt, bewundernd, beyde Hände empor,und ist im Begriff sie zusammen zu schlagen. Einemit beynahe ganz verhülltem Gesicht, welche nichtsehen kann, derer mit zusammengehaltenen Händen.Die vorderste stehende weibliche Figur, ganz Ein-falt und Gemüth, schlagt ebenfalls die Brust undruft den Herrn an. Eine von den Frauen, weicheunten, auf der Erde sitzen, brückt ihrelt Säuglingmit unaussprechlicher Liebe und Inbrunst an sich,ihr Kuß ist ganz Seele; sie möchte den Lieblingund sein ganzes Wesen gleichsam in ihr Herz auf-nehmen. Die andere hält ihr etwas größeresKind ebenfalls mit beyden Händen an sich, undwendet sich nach zwey kleinen Knaben um, dieschön sind, hold wie Lieblingsgötter, und einanderumarmt halten."
„Wem, man alle diese zarten Abstuffnngen ei-ner einzigen Leidenschaft betrachtet, welche die Ur-sache der Bewegung und Handlung in diesem Bildeist, so wird man mit Verwunderung über den Ver-stand und das große Talent des Malers erfülltwerden, der, wie ein geschickter Gärtner, alleTheile seines Bodens aus einer einzigen Quellenach mannigfaltiger Absicht und Bedürfniß befeuch-tet und fruchtbar zu machen weiß. Vielleicht bürsteman über dieses noch zu behaupten wagen, unserKünstler habe in jeder Figur, aus denen das be-schriebene Bild zusammengesetzt ist, einen ganzenStand der menschlichen Gesellschaft repräsentiernwollen; denn es ist keineswegs unwahrscheinlichoder übertrieben, sich seine Gedanken so tief undseinen Geist so umfassend zu denken. Wir sehenja, daß die meisten Figuren auch in der Schulevon Athen, über das was sie im Bilde wirklich
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sind und darstellen, noch eine weitere Beziehunghaben. Charakter, Handlung, Stellung, manch-mal sogar Nebenwerke erinnern uns an ihre Lehre,Leben und Schicksale 427). Eben derselbe tiefein-bringende Sinn hat auch in der Disputa gewirkt,und den Parnaß belebt; nur ist er dort ernster,hier aber heiterer und poetischer, wie der verschie-dene Gegenstand es erfordert. Der Ausdruck inRaphaets Werken ist allemal der Handlung genauangemessen, nie fratzenhaft übertrieben, immer wahr,oder doch wenigstens wahrscheinlich; wie ein ande-rer Proteus tritt er in tausend verschiedenen Ge-stalten auf, ernst, zärtlich, empfindsam, schwach,weise, kühn, ein Held bald und bald ein Schäfer.Bis zu den obersten Stufen der Menschheit, selbstzu den Engeln empor, tragen Ihn die Flügel seinesGenius; und wenn er es bedarf, so läßt er sichwieder bis zu den Bettlern und Elenden in dieHütten herab, vergißt seines Zweckes nie, und nieder Würde; selbst die niedrige Natur wirb beyihm nicht verächtlich oder niederträchtig. Jederkleine Umstand ist mit Klugheit benutzt; der Ge-müthszustand seiner Figuren offenbaret sich nichtnur aus dem Gesichte, oder der Handlung, sondernwirkt und breitet sich durch alle Glieder und Giie-dcsgliedcr aus."
„Raphaels Kunst lässt uns fast in allen ihrenTheilen ein Fortschreiten bemerken, und >o ist aucheinige Abänderung im Charakter seines Ausdrucks.In den Werken aus der frühern Zeit ist er rein,natürlich und von der strengsten Wahrheit; als eraber weiter-gekommen war, und ansienq die Wir-kung, oder das Wahrscheinliche zu suchen, da er-laubte er sich mehr, »nd jene Gränze der strenge»Wahrheit wurde zuweilen ein wenig übertreten.In der Disputa über das Sakrament sehen wirdie Menschen mit Neigungen und Leidenschaften,wie im Spiegel, ganz so wie sie sind, wie sie lei-ben und leben; man befindet sich in der wirklichenWelt. Der Parnaß ist hingegen ein poetischesLand, etwas gemüthlich Zärtliches; eine mildeSchwärmercy verbreitet sich über das ganze Bild;die Figuren nähern sich einander in Sitte und Nei-gungen, als wenn sie Alle zu einer Familie gehör-ten , aus Einem Stamme entsprossen wären. Inder Schule von Athen haben sie wieder mehr Ver-schiedenheit, vom Streit der Meynungen, denUnterschied der Begriffe erzeugt; doch herrschtdarin» die Uebereinstimmung, welche eine Gej-ll-schaft von cultiviricn Menschen zu verbinden pflegt,und heftige Leidenschaften sind in diesem Werk nichtgebildet. Verglichen mit der Disputa ist der Aus-druck hier zwar überhaupt eben so natürlich, abervon edlerer Art, so wie auch der Sinn und Styldes ganzen Werks freundlicher und schöner ist; u.s. s- ». s."
„Auf diesem Wege der Betrachtung ist es auch,wie wir glauben, am leichtesten möglich, alle Werkedes Raphael , jedes nach seinem eigenthümlichenVerdienst, schätzen zu lernen; denn es geschiehtoft, daß Kenner und Künstler die Bilder der so-genannten zweyten Manier, das ist diejenigen,weiche Raphael kurz vor seiner Ankunft in Rom und j,r den ersten Jahren seines Aufenthalts da-selbst gemalt, den spätern, von der sogenanntendritten Manier, vorziehen und vorgezogen wissenwollen. Diesem Mißgriff setzt man sich dadurchaus, wenn unbedingt ein Bild gegen das andereverglichen wird; unsere Neigung entscheidet als-dann nicht selten da, wo nur der Verstand dasUrtheil sprechen sollte. In jenen frühern Werkenbczaubert unser Künstler durch die Grazie des
4r6) Ravbael scheint sich zwischen diesen beyden Figuren ein näheres Verhältniß gedacht zu haben; entivedsLBn'ider oder innige Freunde.
427) Wir sehen den erhabenen etwas schwärmerischen Platv nach der Höhe zeigend; den beweisenden» küh'en Ari stoteles ; den Sonderling Diogen für sich einsam sitzend; den sinnenden Epiktet, mir seinem einst zerbrochnenBeine; den unterrichtenden Sokrares, den lehrbegicrigen jungen Alerander, den eleganten Alcibiades, denstrengen, erfindenden Pprhagoras «. s. f. n. f.