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Sueur
anderer Bilder unsers Künstlers in den Franzö sischen Kunstschätzcn s. bei) Landon (Annal. I.II. V. VI. VII. VIII. IX. Xl, Xlll. XV. XVI.XVII.). Ein Moses aus dem Wasser gezogenist, auö Frankreich , nach England gekommen.Dagegen wurde noch 180 Z. auf einer Versteige-rung zu Paris eines seiner schönsten Bilder (Po-lyphilus der Leutherilide vorgestellt) von einemH. Vauthier für 5ggg. Fr. verkauft, und bliebwahrscheinlich in Frankreich . Von Glasgemäldensteht man in Paris jetzt im Museum Napoleon (vormals in den Kapellen der Kirche St. Ger-vais) Verschiedenes, nach seiner Zeichnung Aus-geführtes- So z. B. eine Grablegung, welchele Noir durch Guilmard ausbessern ließ; danndie Martern von St. Gervasius und St. Prota-sius, und eine Flucht in Egypten, welche leSueur i65i. durch F. Perrin, grau in grauauf Glas bringen ließ, und die für einfache Grazieeines Raphaels würdig sind (le Xoir p. Z5. u. g5.wo sich kleine allerliebste Darstellungen im Umrissedavon, von Guyot geetzt, befinden.) In Deutsch land besitzt von ihm, unsers Wissens, einzig dieGallerte zu München eine ganz kleine St. Mag»dalena in Betrachtung; Sanssoucy dann eintreffliches Bild: Christus, der die Blinden heilt.Das Eremitage zu St. Petersburg hat von ihm:Den Tod von St. Stephan, und Darms, derdas Grabmal des Nitocris öffnen laßt. Beydefinden sich in dem diesfälligen Gallericwerk imUmrisse abgebildet.
Le Gueur's Kunstcharakteristik findet sich vor-züglich gut bey ODareler und Levesque, undganz jüngsthin bey Taillasson. Bey jenem indem Art. Schule lesen wir: »In le Seur schienRaphaels ganze Seele übergegangen zu seyn.Beyde waren geboren, um sanfte Leidenschaftenzu empfinden, und auszudrücken; mildem innernGefühl für Schönheit, und mit dem angestamm-ten Geschicke, solche darzustellen le Sueur'sZeichnung war überhaupt geschlanker als Ra-phaels; aber beyde suchten solche nach den Altenzu bilden. Wie Sanzio stellte der Unsrige, ebenso fein als genau, das Gemüth dar; wie jenerwaren seine Köpfe mannigfaltig, nach Stand,Alter und Charakter seiner Personen; wie beyjenem mußten alle Theile seiner Figuren und sei-ner ganzen Zusammensetzung zum allgemeinenAusdrucke dienen. Bey dieser letztem hatte erimmer seinen Hauptzweck vor Augen; nie war esibm darum zu thun, schöne Contraste und zierlicheGruppen zu bilden, oder den Zuschauer durch Lhea-terscenen und großen Maschinenlerm zu blenden.Nie nimmt man bey ihm eine mühsam gekünstelteAnordnung oder den Prunk überflüssigen Reich-thumes wahr. Ueberall findet sich nur sein Gegen-stand, wie er sich in der Wirklichkeit finden mußte;bloß die nöthigen Personen, und keine mehr. SeinFarbenton ist harmoniös und zart, nicht so lautanrufend, wie der Denetianische oder Flammische,aber anziehend darum nicht minder — so wie erseyn soll, nm das Gemüth ruhig zu lassen, undden Blick, ohne ihn zu zerstreuen, auf diejenigenTheile seiner Kunst zu richten, die denn doch höherals die Farbe sind. Auch in der Kunst, seine Ge-wänder zu werfen, und ihre Falten eben so ge-schickt als edel zu ordnen, kam Niemand Ra-phael so nahe, wie er. Man sehe seine Predigt
St. Pauls, seinen St. Gervasius und Prötasius,was gelehrte Künstler mit dem Schönsten in Rom verglichen haben; vor Allem aus aber, wo er seinganzes Genie entwickelt hat, seinen Cyclus desLebens von St. Bruno, was er, wie seine Zeit-genossen versichern, zwar selbst für bloße Scizzenhielt *) und doch so viele Meisterstücke sind, dieihren Rang unter den ersten der Französischen Schule auf immer behaupten werden**?. Hattele Sueur langer gelebt — waren ihm, wie le Brun,wichtigere Arbeiten seines Jahrhunderts und dieLeitung aller derjenigen aufgetragen worden, wel-che ein dem Luxus und den Künsten so gewogenerHof ausführen ließ, so hätte ohne Zweifel unsreSchule von da an einen andern, allgemeiner gebil-ligten Styl angenommen. Adel in den Köpfen,einfache Majestät (?) der Bekleidung, Geschlank-heit der Zeichnung, Wahrheit in Stellung undAusdruck, Naiftlät in der Anordnung hätten so-dann ihren Charakter ausgemacht; die prunkvolleLüge und Schminke des Lheaterstyls hatte wenig-stens späkher begonnen, oder sich vielleicht überallnicht zeigen dürfen; und kurz, man hätte in Paris ein Bild aus Rom erblickt. Aber, es war nuneinmal eiu le Bcun, welcher Arbeiten und Gna-den ausspendete; um gebraucht und belohnt zuseyn, mußte man seine Manier befolgen; und daseine Schützlinge keine le Brun's waren, nahmensie dessen Fehler noch mit Uebertreibung, d. h. eineSchminke an, die an seine Schönheiten gränzten."Und noch an einer andern Stelle (s. v. /e Xr-e«»-)heißt es: „Man hat oft wiederholt, le S«eucwäre ein vollkommener Maler geworden, wenneine längere Lebensdauer ihm vergönnt hatte, dieVenetianische Färbung mit seinen übrigen Kunst-schönheiten zu vereinigen. Hat man aber auchuntersucht, ob eine solche Einigung möglich war;ob jene Färbung nicht das Opfer seiner äußerstenReinheit der Zeichnung, seiner ungemeinen Feinheitdes Ausdrucks und der Nüchternheit seiner Drap-perien würde erheischt haoen ?" — Und nun Tail-lasson: »Die Natur hatte diesem Künstler ihrereichsten Gaben verleihen; sie versagte ihm die ein-zige eines längern Lebens, um so viele glücklicheAnlagen mit einem liefern Studium zu verbinden,und zahlreichere Werke zu hinterlassen. Dennochlevic er lange genug, um sich unsterblichen Ruhmzu erwerben; selbst das Bedauern, womit manan seinen allzufrühen Tod denkt, reißt zu nochmehrerm Lobe hin, und die traurige Cypresse, diesich durch den Lorbeer seines Kranzes windet, er-höht noch den Glanz desselben. — Seine Gedankensind richtig und groß; sein Styl sehr historisch;er besitzt Anmuth, oft Kraft, und eine rührendeWürde. Nichts ist wahrer und größer, alö seineallgemeinen Anordnungen, und sein unterscheiden-der Charakter ist, die Einfachheit der Natur mitder edelsten Composition zu vereinigen. SeinsGruppen zeigen nur die glücklichsten, mannigfal-tigsten Linien, vortrcflich gegeneinandergesetzte Ef-fekte,^ und anziehende Naivetät- Seine Stellun-gen sind so, wie sie zu den Gegenständen voll-kommen passen; mit so viel Geschmack componirtund gezeichnet, das man versucht wird, sie nurfür ein Werk der Kunst zu halten, und zugleichso wahr, daß sie nach der Natur abgenommenscheinen. Betrachte man im Museum seine Pre-digt St. Pauls zu Ephesus . Ein heiliger En-
") Noch mehr: Seine Bescheidenheit ging so weit, sich oft zu äußern, daß sein Schwager Thomas Goulatihm viel dabey geholfen, Pate! die LandschaftSgründe darein gemalt hätte, u. s. f.
NK) Sollte das Anekdoten völlig begründet seyn, daß diese vortrefflichen Bilder an ihrer ursprünglichen Stelle,dem Äreuzgange des ÄartheuserklosterS, theils der Feuchtigkeit des OrtS, theils barbarischen Mißhandlungender Unwissenheit, der Bosheit und des Muthwills preißgegeven, und z. B. ganze Köpfe der Hauptfiguren vor»sätzlich und sorgfältig mit Messern abgeschoben worden? Ludwig XVI. ließ überhaupt die Werke unsers Künst»lers aufkaufen, worauf die Äarthenser in ihrem Kapitel beschlossen, die ihrigen dem Könige zum Geschenk an-zubieten; hätten sie dieses doch hundert Jahre früher gethan! Wir wissen übrigens nicht, war es in ältern oderneuern Lagen, wo sogar le Brun beschuldigt wurde, daß er aus Eifersucht den Evcluö von le Sueur's St. Brunohabe verstümmeln lassen? In neuern wiederholte diesen abscheulichen Vorwurf wenigstens der Verfasser des:Ivurrial <ls LLtilnenkn civils blo. ,48. p lyy. Dagegen liest man in den blouv. III. 75—77. eine
ausführliche Wiederlegung dieser Jnzicht; und Felibien sagt ausdrücklich, daß ein solcher Frevel erst lange nachle Sucurs Tode verübt worden sey; woraus dann (heißt es l. c.) weiter folgt, daß es nicht der Schmerzdarüber gewelen sey, der des Künstlers frühen Hinscheid veranlaßt habe, sondern vielmehr (wie wir ebenfallsvon Zelibien wissen) eine durch »»ermüdetes Arbeiten erzeugte sänzliche Erschöpfung seiner Kräfte.