Band 
Zweyter Theil [3].
Seite
1785
JPEG-Download
 

Sueu r.

Sueur. 1785

thusiasmus entzündet auf sein Wort Alle, die ihnumgeben; alle verschlingen seine Gedanken; einigeschreiben sie auf; die Bücher der Gelehrten undWeisen werden zerrissen und der Wuth der Flam-men preisgegeben. Wie viel Wahrheit und Poesie,wie viel Ordnung und Bewegung sieht man indiesem Bilde! In jenem andern Meisterstückewerden zwey junge Märtyrer der religiösen In-toleranz zu den Altären geschleppt. Wie vortref-lich contrastirt ihre bescheidene Unschuld und ihreedle Ruhe mit der Stärke und Gewaltthätigkeitdes Kriegsvolks! Sie sehen Nichts von Allem,was sie umgiebt; sie fühlen sich nicht mehr aufder Erde, und ihre entzückte Seele genießt dieSeligkeit. Welche Würde und Einfachheit herrschtnicht in dieser Zusammensetzung! Seine Zeich-nung ist edel; er bildete sich nach den schönen Ge-mälden und Statuen, die er in Frankreich sah,und nach den Kupferstichen von Raphaels Wer-ken. Seine Formen sind besser, als die seinesMeisters, Vouet, und gleichen ihnen dennoch.Sie sind nicht ganz nach der Natur, oder nachRaphael, oder den Antiken; sie haben etwas vonallen diesen Quellen an sich, und zugleich einenneuen, großen und liebenswürdigen Charaktea,der aber nicht Wahrheit genug hat, und daherein wenig in Manier ausartet. Hätte le Sueurdas reiche Italien gesehen; wäre er nicht gezwun-gen gewesen, seine Gemälde allzu schnell zu fer-tigen, und hätte er hauptsächlich länger gelebt,um länger studiren zu können, zu welchem Gradevon Vollkommenheit würde er es nicht in der Zeich-nung gebracht haben! Der Ausdruck seinerKöpfe ist edel und wahr; aber sie würden weitmehr Kraft haben, wenn seine Zeichnung vollen-deter und richtiger wäre; aus diesem Grunde thunseine allgemeinen Anordnungen und die Stellun-gen seiner Figuren mehr Wirkung, als der Aus-bruckseiner Köpfe. Er gehört zu denen, welche dieDrapperien am Beßten angelegt haben; man kanndie Falten nicht besser wählen; die Formen derselbensind zugleich groß und leicht. Er folgt nicht skla-visch der Spur der alten Bildhauer; seine Ma-nier zu drappieren, ist nicht die des Raphael,noch des Poussin ; sie ist neu, er hat sie aus derNatur genommen, die er mit ausgesuchtem Ge-schmacke geordnet und nachgeahmt hat. SeineUeberlegenheit in diesem Theil ist auch eines sei-ner unterscheidenden Merkmale. Mehr bemühtum einen markigen, leichten, geistreichen Pinsel,als um die richtige Abstufung des Lichts, hat erden Gegenständen, die er malte, nicht immer diegehörige Rundung gegeben. Seine Farbe istschwach, aber sie hat Wahrheit, Originalität,Harmonie, und eine Sanftheit, die sehr gut zudem Style seiner Werke paßt. Einen Theil des«»genehmen Eindrucks, den sie machen, verdan-ken sie auch seiner Kenntniß der Perspektive, unddem Geschmacke, mit welchem er die Regeln die-ser Kunst anwendete. Sie haben viel Tiefe, undzugleich wahre und malerische Flächen. Obgleichzu wünschen wäre, daß er seine Gemälde von demLeben des heiligen Bruno mehr vollendet hätte,so flößen sie doch so, wie sie sind, ein großesInteresse ein. Niemand hat so, wie er, die stil-len Klöster gemalt, die sich traurig aus den Einö-den erheben; jene heiligen Mauern, die so oftZeugen vergeblicher Sehnsucht waren; jene melan-cholischen Gänge, welche Frömmigkeit und An-dacht beym Klänge der Glocken durchwandelten;jene langen weißen Kleider, die ernsthaften undbüßenden Gesichter, die durch Gewöhnung zurEinsamkeit, zur Betrachtung und zum Gebete dieseBildung erhalten hatten. Die Carthäuser, die eruns kennen gelehrt hat, sind alle liebenswürdige,tugendhafte Sonderlinge; er hat der Buße Reizeund dem strengen Leben Anmuth zu geben gewußt.In diesem Werke erinnert er an Alles, wasschwachen und empfindsamen Gemüthern in demMönchsleben schön scheint; die Abwesenheit allerermüdenden Weltsorgen, die Verachtung von tau-

send eiteln theuer erkauften Gütern; die Ruhe,die unglückliche Liebende wieder finden; den Frie-den einer reinen von der Hoffnung ewiger Selig-keit erfüllten Seele. Er giebt, was alle Men-schen selbst mitten in ihren ehrgeizigen Träumenwünschen, einen Zufluchtsort, gegen die Stürmeder Leidenschaften, den Hafen nach vielen Stür-men. In dieser Folge von Composirionen, diealle von dem Geiste der Gegenstände erfüllt sind,die sie darstellen, zeichnet man diejenige aus, wodrey Engel dem schlafenden Bruno erscheinen;und die, wo er einen Brief liest, den ihm einCourier so eben überbracht hat; und besondersdas Gemälde seines Todes, dieß Meisterstück vonAnordnung, Ausdruck und Lichtessekt. Die ernsteEinfachheit des Orts der Scene, die in Schmerzversunkenen Religiösen von verschiedenem Alter,die Leichenkerzen, der traurige Weihkesscl, der ehr-würdige Todte selbst, auf Stroh hingestreckt, ma,chen alle Herzen in heiligem Schauer erstarren,und stürzen unsern Geist in die tiefsten Betrach-tungen. Nicht immer indessen hat er seine Ge-genstände aus der Geschichte der katholischen Re-ligion genommen, und in seiner Galerie das Ho-tel Lambcrt hat er bewiesen, daß sei» Genie sichnach allen Tönen umstimmen konnte. Da hat erden Nymphen, Liebesgöttern, allen Gottheiten derFabel den ihnen eigenthümlichen antiken Charak-ter beyzubehalten gewußt, und ihnen die poetischeWahrheit gegeben, welche durch die Einbildungs-kraft schon seit vielen Jahrhunderten bekräftigetist. Seine Musen haben zugleich das Aussetznvon Geist, Kenntniß, jungfräulicher Zucht, undalle Reize ihres Geschlechtes; ein seltener Vereinbey sterblichen Schönen! le Sueurs Bilderlehren, wie die des Poussin , die Tugend, und flös-se» eine reizende Melancholie ein; mag sie nunwirklich in Allem liegen, was er gemacht hat,oder mag sie von einem Gefühle der Traurigkeirherkommen, die man bey dem Gedanken empfin-det, daß er im Acht und Dreyßigsteu starb, unddaß ein damals schon so großer Künstler nochgrößer hätte werden können, wenn der Tod ihnnicht so jung hinweggerafft hätte. Seine Seelemußte viel Aehulichkeit mit der des Fenelon ha-ben; so wie in den Schriften dieses letzter», ver-breitet sich ein glückliches Selbstvergessen, einesüße Empfindsamkeit über alle seine Werke, derkristallene» Woge gleich, die durch alle Thälerfließt. Schöne und edle Seele! le Sueur! des-sen Name nicht ohne Wehmuth auszusprechen ist:Warum hat die Dankbarkeit nicht dein Grabmalin jenem stillen Kloster errichtet, das deine Ge-mälde so rührend machen; mitten auf jenem Ra-sen, unter jenen einsamen Blumen, die seineMauern einschließen? Ach! gewiß hätten dieTugenden, die Künste, die Grazien oft Kränzeund Blumen dahingebracht''. Noch setzt ein Uesbersetzer dieser Charakteristik (Zürcher-Journalfür Literatur und Kunst S. 220.), neben An-dern,, als Schlußrede, hinzu:Die oben ange-führte Predigt Pauli ist ein besonders großes Mei-sterstücke von Seite der Erfindung, der Anord-nung und des Ausdrucks. Kraftvoll, mit wür-diger Gebehrde steht der Apostel ganz in der Mittedes Gemäldes; seine Göttermiene kontrastirl gutmit den dicken Gesichtern der Einfältig-Gläubi-gen, die im Vorgrunde knien, um das Feuer zurVerbrennung der Bücher anzublasen. Man siehtaus Allem, daß le Sueur, wenn auch nur ausKupferstichen, den Raphael (wohl irrig!) gekannthaben muß, ob er gleich eine andre, nicht min-der schöne Art zu gruppiren hat. Ja man mußglauben, daß er auch selbst einige Gemälde ausSanzio's frühern Zeiten gesehen habe, ungeachteter nie in Italien gewesen ist, weil er gerade soin dem Farbeneffekte herumprobirt, wie jener.Vielleicht hat er, um nicht in den schwarzbraunenTon des le Brün zu fallen, die allzuhellen Far-ben, changeante Gewänder, das Mittagslichtu. s. f. ausgewählt.*)." le Brun's Eifersucht

*) Noch giebt Gault r>e St. Ger»,am, i» ganz neuern Tagen (>8or.) le Sueur'« Kunstcharakterkstik etwas